Heute habe ich mich im Zug nochmals in Ruhe mit der Rede der Nationalratskandidatin Nadine Masshardt am 3. Wikipedia-Tag beschäftigt, die sie zum Thema “Welchen Wert hat Information, wenn sie kostenlos ist?” hielt. Beim Durchlesen hatte ich oft das Gefühl, dass Masshardt meine Gedanken geklaut und niedergeschrieben hat. Ich muss wohl mal meine Firewall überprüfen 😉
Auf einen Punkt möchte ich eingehen:
»[Wir müssen nicht] einen aussichtslosen Krieg gegen freies Wissen oder Gratisblätter führen – sondern die Menschen medienkompetenter machen. Über Bildung. Ein massiv ausgebauter Staatskundeunterricht und ein Medienkundeunterricht sind dringend nötig […]. So kann nämlich auch Wikipedia optimal genutzt werden.«
Mit dem Begriff “Medienkompetenz” verwandt ist der Begriff “Informationskompetenz”, also u.a. die Kompetenz, relevante Informationen zu finden, auszuwählen, zu analysieren und weiterzuverarbeiten. Wie wird diese Kompetenz heute an Schweizer Gymnasien typischerweise vermittelt? Zentrale Mittel sind wohl die Semesterarbeiten und als Krönung die Maturarbeit. Doch die haben zwei Schwachpunkte: Erstens muss die Lehrperson alle Arbeiten einer Klasse alleine korrigieren und bewerten – und kann deshalb beispielsweise nicht jede Quellenangabe überprüfen oder die Texte auf Plagiate testen – und zweitens fehlt wohl vielen Schülerinnen und Schülern die Motivation, eine solche Arbeit zu schreiben, weil sie ja doch nur von der Lehrperson gelesen wird.
Wie wärs, wenn Semesterarbeiten durch einen Auftrag, einen Artikel in der Wikipedia zu schreiben oder ergänzen und Maturarbeiten durch den Auftrag, einen exzellenten Artikel zu verfassen, ersetzt würden? Problem eins wäre zumindest abgeschwächt, weil statt einer einzelnen Lehrperson viele Wikipedianer die Artikel prüfen würden (es sei denn, die Schülereinnen und Schüler wählen völlige Randthemen, die kaum beachtet werden) und Problem zwei wäre ganz gelöst – immerhin finden die Wikipedia-Artikel grosse Beachtung. Ausserdem würden die Wikipedianer wohl ein besseres Feedback geben, als es die gestressten Lehrpersonen können. Nach einem solchen Prozess hätten die allermeisten Schülerinnen und Schüler wohl “die Kompetenz, relevante Informationen zu finden, auszuwählen, zu analysieren und weiterzuverarbeiten.” Und wer es gar schafft, einen exzellenten Artikel zu verfassen, hat bestimmt mehr gelernt, als bei der Verfassung einer Maturarbeit.
Aber zurück zur Medienkompetenz: Gemäss Dieter Baake (nicht verifiziert zitiert nach Wikipedia) gibt es fünf Stufen der Medienkompetenz, die höchste ist:
»selbst kreativ in der Medienwelt tätig werden – beispielsweise in einer Schülerzeitung, zu einem offenen Kanal oder der Wikipedia etwas beitragen.«
Also: Schülerinnen und Schüler in der Wikipedia schreiben lassen, statt den Medienkundeunterricht massiv auszubauen?