Digitalisierung – den Begriff mag man schon nicht mehr hören. Er ist allgegenwärtig und wird überall unterschiedlich verstanden. Grund für die unterschiedliche Interpretation des Begriffs dürfte u.a. die unterschiedliche Denkart dahinter sein. Christoph Schmitt beschreibt den Unterschied der Denkart zwischen Menschen aus Analogistan und Digitalien, genauso wie ich das hier tue. Wie aber können wir von einer analog geprägten zu einer digital geprägten Denkweise gelangen? Unterstützt durch Christian Dietz, Oliver Ott, Nico Steinbach und Christoph Schmitt (herzlichen Dank!) entstand eine Zusammenstellung von sechs Massnahmen, die Menschen von Analogistan nach Digitalien überführen könnten:
1. ICH VERNETZE MICH DIGITAL
Ich tausche mich nicht nur mit Menschen aus, mit denen ich in Projekten zusammenarbeite, sondern vernetze mich gezielt auch mit Einzelpersonen und Gruppen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Privat, als Hobby, beruflich, zwischen allen Stühlen. Wir summieren unsere Netzwerke, erhöhen so unsere Reichweiten und unterstützen uns gegenseitig. Es entstehen ad-hoc Kooperationen mit Mehrwert für alle Beteiligten. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Beteiligten ausschliesslich über das Internet kennen oder nicht. Wir beantworten so oder so ähnlich die Frage, warum wir digital sein sollten: Weil es uns etwas bringt. Ganz nach dem Motto eines Blog-Posts: “Like a gym membership, data has no value unless you use it.“
Weshalb soll ich das tun?
- Ich verstärke meine Kontakte zu spannenden Menschen.
- Ich lerne weitere spannende Menschen kennen.
- Ich erhöhe meine Reichweite.
- Es ergeben sich bereichernde Projekte.
- Ich lerne, digitale Medien zur Kommunikation zu nutzen.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Ich realisiere, dass überall auf der Welt Menschen leben, die für mich bereichernd sein können und nehme mich zunehmend als Knotenpunkt im weltweiten Netz wahr. Ich beginne, die Möglichkeiten des weltweiten Vernetzens zu schätzen, den Wert von digitalen Netzwerken zu erkennen und die Welt als Dorf zu verstehen.
2. ICH TEILE, WAS ICH HABE
Ich stosse auf einen Artikel, der für einen Freund oder eine Freundin hilfreich sein könnte und kopiere den Link in den Chat (E-Mail ist mir zu träge). Ein Gedanke geht mir durch den Kopf und ich teile ihn in Sozialen Netzwerken oder einem Blog mit Bekannten oder gar mit der Öffentlichkeit. Ich kommuniziere offen nutzenorientiert.
Weshalb soll ich das tun?
- Ich mache anderen Menschen einen Gefallen. Viele sind dankbar.
- Irgendwann kommen Links oder Gedanken zurück.
- Dank den Rückmeldungen zu meinen Beiträgen schärfe ich meine Gedanken und profitiere von anderen Sichtweisen.
- Meine Gedanken, Arbeits- und Interessensgebiete sowie Positionen werden wahrgenommen und ich kann mich entsprechend in meinem Netzwerk positionieren.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Mein Fokus ist nicht mehr auf mein örtlich nahes Umfeld gerichtet. Ich beginne den Wert des Gebens und Nehmens in Netzwerken zu erkennen. Mir wird bewusst, dass alle von allen etwas lernen können. Ich finde zu einem gestaltenden Umgang mit den gesellschaftlichen Normen meines lokalen Umfeldes, da ich erkenne, dass meine eigenen Werte von vielen anderen Menschen auf der Welt geteilt werden.
3. ICH ARBEITE IN ECHTZEIT KOLLABORATIV
Dokumente für den Vereinsvorstand, Arbeitsblätter, Einladungen oder Ideen-Sammlungen schreibe ich mit einer Software mit Zugriffsverwaltung. So kann ich gezielt Menschen dazu einladen, die Dokumente zu lesen, kommentieren oder zu bearbeiten. Das Versenden per E-Mail und das Abarbeiten der zurückgemeldeten Änderungswünsche entfällt. Alle beteiligten Personen wissen immer, wo die Dokumente liegen und das Versionschaos ist besiegt. Bei Dokumenten wie Arbeitsblättern, die keinem klar definierten Personenkreis zugeordnet sind, überlege ich mir, wen sie interessieren könnten oder wer daran mitarbeiten könnte. Ihnen gebe ich die Dokumente zum Lesen oder Bearbeiten frei.
Weshalb soll ich das tun?
- Ich erhöhe die Effizienz.
- Ich bereichere mit meinen Dokumenten die Gedanken anderer.
- Andere Menschen bereichern meine Dokumente und damit mein Denken.
- Ich habe überall Zugriff auf die Dokumente, auch auf fremden Computern. Bei einem Computerwechsel kann ich sofort weiterarbeiten.
- Ich mache das immer bezogen auf gemeinsame Themen und Ziele und werde dadurch mit meinen Beiträgen anschlussfähig.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Durch die Kollaboration vertiefe ich meinen Wert als Knotenpunkt im weltweiten Netz. Ich verstehe, dass für mich örtlich ferne Menschen zur Zusammenarbeit genauso wertvoll sein können wie geografisch nahe. Durch die Kollaboration mit anderen ersetze ich “meins” durch “unseres” und ich gewöhne mich daran, unfertiges mit anderen zu teilen.
4. ICH VERSUCHE PROBLEME MIT HILFE DES INTERNETS ZU LÖSEN
Mein Computer zickt und spuckt mir eine seltsame Fehlermeldung aus – wohl ein Virus. Ich tippe die Fehlermeldung in Google ein und erhalte eine Anleitung, wie ich den Virus beseitigen kann. Ich will eine Wand neu tapezieren. Auf Youtube entdecke ich ein Video, das mir das Vorgehen anschaulich erklärt. Das selbstgemachte Joghurt wurde viel zu flüssig. Im Internet finde ich schnell ein Rezept. Dazu überlege ich mir vorgängig, in welcher Form ich die Hilfe gerne haben möchte. Als schriftliche Anleitung? Als Erklärvideo? Als Menschen oder Communities, mit denen ich mich gezielt vernetze und so auch rückfragen kann?
Weshalb soll ich das tun?
- Ich löse meine Probleme selbständig.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Früher konnte ich viele Probleme nicht selbst lösen und ich habe mir angewöhnt, gezielt Hilfe beizuziehen oder aber die Probleme ungelöst zu lassen. Mit dem Internet verfüge ich über eine riesige Informationssammlung, die mir in unterschiedlichsten Situationen weiterhilft. Entscheidend ist, dass ich mir bei anstehenden Problemen bewusst werde, dass ich sie selbst lösen kann. So erkenne ich die Mächtigkeit des Internets zum Lernen und Problemlösen und entwickle ein Gefühl der Selbstwirksamkeit.
5. ICH SPIELE MIT DEN DIGITALEN WERKZEUGEN
Viele meiner Freunde nutzen einen neuen Chat-Dienst auf ihrem Smartphone. Ich installiere die App und spiele mit ihr herum anstatt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zu konsultieren. Innert kürzester Zeit komme ich damit zurecht, habe mich mit meinen Freunden verknüpft und verschicke erste Chat-Beiträge. Später entdecke ich neue Funktionen und teile die gleich per Chat meinen Freunden mit. So entdecken wir den Dienst gemeinsam.
Weshalb soll ich das tun?
- Ich lerne mit dem Werkzeug umzugehen.
- Ich brauche keine Anleitung von A-Z durchzulesen.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Ich steigere meine Selbstwirksamkeit, besiege meine Angst vor Fehlschlägen, lerne mit Unsicherheiten umzugehen und bin gerüstet für eine immer komplexere Welt, die sich vielfach nicht mehr durch Anleitungen erschlagen lässt.
6. ICH SPIELE EIN MASSIVELY MULTIPLAYER ONLINE GAME
Ich installiere den Client von World of Warcraft auf meinem Computer und trete anschliessend in die riesige Spielwelt ein. Ich erkunde die Welt, begegne Hunderten von Mitspielern. Einfache Quests löse ich alleine. Um schwierige zu lösen schliesse ich mich anderen an. Wir koordinieren und organisieren uns per Voicechat. Die gemeinsamen Aktionen schweissen zusammen. Wir lernen die Menschen hinter den Avataren kennen und schätzen, woraus leicht Freundschaften entstehen können.
Weshalb soll ich das tun?
- Ich habe Spass.
- Ich lerne neue spannende Menschen kennen.
- Ich lerne eine neue Welt und Kulturform kennen.
Inwiefern hilft mir das digitaler zu denken?
Ich lerne Menschen durch ihr Handeln kennen. Geschlecht, Alter, Hautfarbe sind dabei unbekannt und somit nicht relevant. Ich spüre, wie sich andere auf mich verlassen und bin gezwungen, mich auf andere zu verlassen. Es entsteht ein ausgesprochen starkes Gefühl des Zusammenarbeitens. Durch den hohen Spassfaktor bin ich motiviert, immer stärker in die Welt einzutauchen, bei Fragen zu recherchieren und die Probleme selber zu lösen. Durch die Einteilung in Leveln und zusätzlichen Fähigkeiten im Spiel wird mir meine gesteigerte Selbstwirksamkeit deutlich vor Augen geführt. Scheitern ist kein Problem, ich kann die Herausforderung jederzeit wieder von neuem beginnen. So lerne ich, einfach mal auszuprobieren und mit Unsicherheiten umzugehen.
Die Zusammenstellung gibt es gelayoutet und mit etwas Hintergrundinformationen zum Download. Obigen Beschrieb von “digital denken” interpretiere ich nicht als absolut, sondern als gegenwärtigen Stand eines dynamischen Prozesses. Was heute Digitalien ausmacht, dürfte nicht dasselbe sein, wie das, was in fünf Jahren Digitalien ausmacht.