Kürzlich habe ich im Blogpost Digital Denken – 6 konkrete Schritte, um neu zu denken bereits im Titel prominent die Wortkombination “Digital Denken” verwendet. Dies rief eine Diskussion hervor, ob man überhaupt “digital denken” könne und ob es deshalb sinnvoll ist, diesen Begriff zu verwenden.
Eine super Anleitung (trotz der falschen Verwendung der Begriffe digital/analog – aber die ist wohl nicht mehr zu killen 😉 https://t.co/lKUaXvtI8s
— Lisa Rosa (@lisarosa) 24. Oktober 2017
Noch vor einem Jahr hätte ich dem zugestimmt, resp. ich hätte das Konstrukt “Digital Denken” so gar nicht verwendet.
Auslöser für meine aufgeweichte Haltung ist eine veränderte Bedeutung des Begriffs “Digitalisierung”. 2016 erklärte der Informatiker Beat Döbeli den Begriff “Digitalisierung” wie folgt:
“Mit dem Begriff »Digitalisierung« […] soll die Tatsache beschrieben werden, dass analoge Daten zunehmend in die digitale Form überführt werden oder Daten direkt digital erfasst werden. »Digital« bedeutet, dass sich alle möglichen Daten (Texte, Bilder, Töne, Videos) mit dem gleichen Alphabet, bestehend aus den beiden Zeichen 0 und 1, darstellen lassen. Diese streng genommen »binär« zu nennende Darstellung erlaubt es, alle Daten elektronisch in einem einzigen Gerät – dem Computer – zu speichern […].”
Döbeli, Beat (2016): Mehr als 0 und 1: Schule in einer digitalisierten Welt. hep verlag. S. 16
Mittlerweile ist Digitialisierung ein weit verbreiteter Begriff.
Wie eine Erhebung in der Arbeitswelt zeigt, wird der Begriff unterschiedlich verstanden. Am häufigsten erklärt wird er mit “Digitalisierung von Arbeitsprozessen/-inhalten”, “Neue Medien / Technologien / Systeme”, “Digitale Kommunikation” und “Mobil-flexible Arbeitsformen”. An fünfter Stelle schimmert bei “Papierlos” die ursprüngliche Bedeutung durch.
Bei diesen Verständnissen wird der Begriff Digitalisierung deutlich breiter verstanden. Es handelt sich nicht mehr um ein rein technisches Verständnis, in dem ausschliesslich Daten digitalisiert werden. Stattdessen werden ganze Unternehmungen und Institutionen digitalisiert. Weiter gefasst wird die ganze Gesellschaft digitalisiert. So verstanden ist der Begriff gleichbedeutend wie “digitale Revolution” resp. “digitale Transformation”.
In meinen Augen gibt es da kein Richtig und kein Falsch. Für mich ergibt die Variante Digitalisierung im Sinne von “digitale Transformation” mittlerweile mehr Sinn. Digitalisierung als ausschliesslich Daten-Digitalisierung zu verstehen, klingt für mich aus heutiger Sicht schon fast reduktionistisch. Wird etwa bei einer Digitalisierungs-Strategie eines Unternehmens Digitalisierung nur als Daten-Digitalisierung verstanden, scheint mir das gefährlich. Da wird im Jahr 2017 kein Schuh mehr drraus. Mir geht gerade darum, aufzuzeigen, dass nicht nur Daten digitalisiert werden.
Der jetzige Wandel der Begriffsbedeutung zu “digital” ist im übrigen nicht der erste:
“»Digital« bedeutet »abzählbar«, das lateinische Wort digitus heißt Finger. Wenn wir davon sprechen, dass wir eine Information »digitalisieren« oder dass sie »digital vorliegt«, bedeutet das, dass von ihr eine in ganzen Zahlen ausdrückbare Beschreibung vorliegt. Diese kann dann im Computer als binäre Zeichenfolge reprÄsentiert werden. Alles, was Übergang ist, undefinierbarer, ausgefranster Rand, und das Kontinuum, wo das eine in das andere übergeht: Das sind Phänomene der analogen Welt. Auf einem Quecksilberthermometer können wir oft nicht genau bestimmen, wo zwischen 37 und 38 Grad der gemessene Wert liegt, er bleibt unscharf. Das Digitalthermometer trifft eine Entscheidung und gibt 37,5 Grad an – wenn es ein gutes ist, vielleicht noch eine weitere Stelle hinter dem Komma. In der digitalen Welt hat alles einen konkreten Wert, es gibt nichts Ungefähres. In der digitalen Welt gibt es nur Unterscheidungen, scharfe Kanten und Pixel.”
Seemann, Michael (2014): Das Neue Spiel.
Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. orange-press, S. 51
Trotzdem erscheint mir “digital geprägt denken” präziser und ich habe die Anregung von Lisa Rosa gerne aufgenommen und dies im Papier so geändert. Ich habe aber auch keine Mühe, wenn ich irgendwo “digital denken”, “Digitale Kompetenzen” oder ähnliche Konstrukte antreffe, weil sich für mich die Bedeutung geändert hat. Wie haltet ihr das?