“Muss man eigentlich nix mehr wissen?”, hat Christian Spannagel kürzlich in seinem Blog gefragt. Weiter meint er:
«Ein spannendes Thema, insbesondere weil einem immer wieder Statements der folgenden Form begegnen:
- Das gesamte Wissen der Menschheit steckt im Internet. Also braucht man vieles heute gar nicht mehr zu lernen, ich kann einfach eine Suchmaschine bedienen, wenn ich etwas wissen will.
- Wesentlich wichtiger sind “Schlüsselqualifikationen” oder “allgemeine Kompetenzen” wie beispielsweise Sozialkompetenz und Methodenkompetenz.
- Das bedeutet: Lernen in der Schule kann viel exemplarischer erfolgen als bislang. Es genügt, an ausgewählten Inhalten z. B. in Form von Projekten die wesentlichen allgemeinen Kompetenzen (im Sinne von “Wissensarbeit”) auszubilden. Wenn ich gelernt habe, mir selbst Wissen anzueignen, dann kann ich das in anderen Bereichen später auch einfach selbst tun.»
Im Nachgang zu seinem Blog-Beitrag entstanden an veschiedenen Orten spannende Diskussionen. Ein oft vertretener Standpunkt war, dass Vorwissen notwendig ist, um Informationen aus dem Internet verstehen zu können. Dh. es lässt sich nur mit entsprechendem Vorwissen aus dem Internet lernen; in der Schule nur Methodenkompetenz und Sozialkompetenz zu fördern und keine “Inhalte” kann deshalb nicht funktionieren. Meine Fragen dazu:
- Kann man methodenkompetent und sozialkompetent sein, ohne etwas zu wissen (im Sinne vom deklarativen Wissen)? Vermutlich ist das Szenario, dass man im Internet unterwegs ist, ohne etwas zu wissen, sowieso rein hypothetisch.
- Kann das benötigte Vorwissen nicht auch mittels Internet erworben werden?
Eine wesentliche Rolle dürfte die Komplexität des Themas spielen. Das lässt sich wie folgt illustrieren:
Ist der angestrebte Wissensstand nicht allzu weit weg von meinem aktuellen, resp. ist der Weg deutlich vor mir, kann ich das Ziel gut alleine erreichen, sprich, ich kann mir z.B. über das Internet die notwendigen Informationen besorgen. Befinde ich mich weit weg vom angestrebten Wissensstand, drohe ich mich im Internet zu verlieren, ich hüpfe von einem unverständlichen Begriff zum nächsten und ich tue mich schwer, einen Weg durch dien Informationsdschungel zu finden.
Was benötige ich also, um etwas zu lernen? Aufgrund meines aktuellen Forschungsthemas Gamification versuche ich mal die Parallele zu Spielen zu ziehen. Es gibt sehr einfache Spiele, deren Regeln und Mechanismen sich in sehr kurzer Zeit lernen lassen. Andere Spiel sind komplex. Wie gehen Spieldesigner besonders bei komplexeren Spielen vor?
- Onboarding: Potentielle Spielerinnen und Spieler werden angelockt, z.B. indem sie einen ganz einfachen Quest lösen und so schon die ersten Punkte und das erste Erfolgserlebnis erhalten. Allfällige Hürden (z.B. sich zu registrieren), werden auf später verschoben.
- Vereinfachte Spielwelt: Der Spieldesigner (als Führer, der
den Urwalddie Spielwelt bestens kennt), rollt die Möglichkeiten der Spielwelt langsam aus, so dass die Funktionsweise der Spielwelt häppchenweise erlernt werden kann. Beispielsweise bei Anno Online führen Quests durch die Welt, in ersten Quests muss man eine Holzfällerhütte bauen, dann ein Lagerhaus usw. Viele Gebäude sind zu Beginn noch ausgeschaltet und lassen sich nicht bauen. Bei anderen Spielen wird der Schwierigkeitsgrad allmählich erhöht, etwa bei Tetris nimmt das Tempo der fallenden Klötze zu. Anleitungen zu Spielen werden so obsolet und werden nur noch selten mitgeliefert. - Komplette Spielwelt: Erst mit der Zeit stehen alle Funktionen resp. der volle Schwierigkeitsgrad des Spiels zur Verfügung.
In der Schule ist das ähnlich:
- Onboarding: Engagierte Lehrpersonen versuchen die Schülerinnen und Schüler durch einen motivierenden Einstieg, z.B. einen physikalischen Versuch, in ein neues Thema einzuführen.
- Vereinfachte Komplexität: Die Lehrperson führt die Schülerinnen und Schüler durch ein Thema, erhöht die Komplexität, geht in sinnvoller Reihenfolge von einem Schritt zum nächsten, usw.
- Komplettes Thema: Erst im geeigneten Moment lässt die Lehrperson die SuS die ganze Komplexität des Themas (in sinnvollem Detailreichtum) erkennen.
Was davon kann das Internet leisten? Theoretisch alles. Ein Youtube-Film kann Interesse wecken für ein Thema. Eine didaktisch aufbereitete Website kann langsam durch ein Thema führen (z.B. MOOCs, Khan Academy). Via Soziale Netzwerke kann man sich mit Personen vernetzen und austauschen, die sich mit dem selben Thema beschäftigen und einen anderen Teil desselben Urwaldes kennen. Lehrpersonen als Führer haben den Vorteil, dass sie den aktuellen Wissensstand ihrer Schülerinnen und Schüler bestens kennen und darauf aufbauen können (zumindest auf einen durchschnittlichen Wissensstand der Klasse). Diese Funktion könnten z.B. Badges zumindest teilweise übernehmen. Es gibt aber zwei Probleme:
- Vielfach fehlen die speziell aufbereiteten Inhalte. Wikipedia-Artikel beispielsweise sind oft recht kompliziert formuliert. Bei einfacheren Themen können sie zwar durchaus auch bei durchschnittlichem Vorwissen für das Lernen verwendet werden, für ein komplexeres Thema nur dann, wenn ein umfassendes Vorwissen vorhanden ist. Es gibt aber immer mehr solcher speziell aufbereiteten Inhalte (MOOCs, OER, etc.) im Internet.
- Vielleicht wären die für den nächsten Lernschritt benötigten Informationen im Internet zwar vorhanden, aber mir fehlt die Kompetenz, diese Informationen zu finden.
Womit wir wieder zurück am Ausgangspunkt wären: Sind die Schlüsselqualifikationen heutzutage doch wichtiger als das deklarative Wissen?
