Richard David Prechts Buch “Anna, die Schule und der liebe Gott” ist derzeit in aller Munde. Der Rezensent Peter Praschl kann dem Buch nicht viel Positives abgewinnen und titelt seinen Artikel in “Die Welt” mit “Ihr Buch ist ein sinnloses Ärgernis, Herr Precht!“. Ihm leuchten zwar Prechts Kritikpunkte an Deutschlands Bildungssystem ein, er verweist aber darauf, dass diese Punkte nicht neu sind. Und: Eine Bildungsrevolution zu fordern sei sinnlos, weil unrealistisch. Die Mängel am System seien seit langem bekannt, verbessert habe sich trotzdem nichts.
Ist eine Bildungsrevolution in Deutschland – oder aus meiner Perspektive in der Schweiz – wirklich unrealistisch? Resp. welche Faktoren könnten zu einer Revolution führen? Vielleicht:
- Massive Finanzknappheit und entsprechende Budgetkürzungen im Bildungswesen. Hoher Druck kann zu Innovationen führen.
- Innovationen im Bildungswesen anderer Erdteile. Innovationen geschehen oft dort, wo der Druck am grössten ist, auf das Bildungswesen übertragen, dort, wo grosser Nachholbedarf in der Bildung herrscht. Digitale Medien eröffnen neue Möglichkeiten im Bildungswesen, vielleicht entwickeln südliche Länder eine für sie praktikable Lösung, die dann international für Bewegung sorgt? Das Frauenwahlrecht hatte seinen Ursprung in einem konservativen US-Bundesstaat (Wyoming) und breitete sich von dort aus.
- Menschen, die mit dem Internet in der Hosentasche aufgewachsen sind, die parallel in zwei Welten aufgewachsen sind – der digitalen (in der Freizeit) und der analogen (in der Schule) – und sich nur schwach mit dem Schulsystem identifiziert haben, übernehmen das Ruder in der Bildungspolitik. Das dürfte vielleicht in 30 Jahren der Fall sein.
- Ich gehe mit Peter Praschl nicht einig, dass die Probleme im deutschen (oder Schweizer) Bildungswesen allgemein bekannt sind. Bekannt sind sie in einer kleinen Fachcommunity. Für viele Menschen ist das Schulsystem unumstritten, sie sind durch das System gegangen, ihre Eltern vor ihnen, usw. Viele Menschen machen sich da nur wenig Gedanken oder können sich nicht vorstellen, wie das Bildungssystem anders aussehen könnte. Ein Grund, dass sich das Bildungswesen als derart veränderungsresistent (im grösseren Rahmen) erweist, dürfte sein, weil es so gut in der Gesellschaft verankert ist und kaum hinterfragt wird. Insofern könnte eine öffentliche Diskussion – vielleicht (mit)ausgelöst durch Prechts Buch – einige Gedanken in einigen Köpfen auslösen. Letztlich wurde sogar in der Schweiz flächendeckend das Frauenwahlrecht eingeführt – genau 100 Jahre nach Wyoming – auch da war ein langjähriges Umdenken notwendig.
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