Mit Interesse habe ich das Gespräch von ununi.TV mit Martin Lindner zum Thema “Brauchen wir noch eine Didaktik?” verfolgt.
Das ganze Gespräch ist sehr sehenswert, ich möchte aber nur einen Nebenaspekt aufgreifen, den Martin Lindner erwähnt hat: Das Bewertungs- und Stufensystem der Schule ist eng an das Verwaltungssystem gekoppelt, resp. entstammt offenbar sogar diesem. Lindner beschreibt ein Verwaltungssystem – z.B. eine Versicherungsgesellschaft – als grossen Computer, bei dem die Menschen quasi Algorithmen sind, die bestimmte Arbeiten erledigen, z.B. Akten bearbeiten und weiterleiten. Die Schule bildet zu einem bedeutenden Teil genau solche Personen aus, die einer Anleitung folgen und diese ausführen können, so wie das im Prinzip ein Computeralgorithmus tut.
Nur: Heute braucht es bei uns immer weniger von diesen menschlichen Algorithmen, weil deren Jobs entweder tatsächlich von Computeralgorithmen übernommen oder nach Asien ausgelagert wurden. Folglich haben wir eine Schwemme von Menschen, die wie Algorithmen funktionieren (etwas böse formuliert), aber gar nicht in “Computern” tätig sind, aber ihren Job trotzdem wie ein Algorithmus erledigen, oder anders formuliert so, wie viele abschätzig über Beamte sprechen. Dies führt überall zu Ärger, selbst im Bildungswesen: Lehrpersonen ärgern sich über die steigenden administrativen Tätigkeiten, die sie erledigen müssen, über Formulare, Erhebungen, Qualitätsmanagement, usw. Sie ärgern sich über neue Vorgaben von oben, die am Schreibtisch ausgedacht sind und in der Praxis nicht oder nur beschränkt funktionieren. Sie ärgern sich, weil sie die Stärken ihrer Schülerinnen und Schüler fördern möchten, statt Defizite auszunivellieren. Zusammenfassend: Sie ärgern sich über Standartisierungen, Normierungen und darüber, dass der gesunde Menschenverstand immer weiter zurückgedrängt wird. Sie ärgern sich letztlich über genau die Art von Menschen, die das Bildungssystem hervorgerufen hat.