In seinem 2016 publizierten Beitrag “Mother Nature’s Pedagogy: How Children Educate Themselves” [1] betrachtet der Evolutionspsychologe Peter Gray das Lernen in einem Kontext von Tausenden von Jahren. Sein Fazit: Im Rahmen des natürlichen Selektionsprozesses seien Menschen mit allem ausgestattet worden, was sie benötigen, um sich selbst zu bilden: Neugierde, Verspieltheit und Geselligkeit. Dank diesen Fähigkeiten könnten sich Menschen an ihre jeweilige Umwelt anpassen und sie würden effektive Mitglieder ihrer Kultur. Zu diesem Schluss gelangte Gray, indem er Kinder im Vorschulalter, Kinder bei Jäger-und-Sammler-Kulturen, Abgängerinnen und Abgänger von Demokratischen Schulen und Kinder, die sich zu Hause ohne inhaltliche Vorgaben entwickeln konnten, beobachtete.
Die drei Fähigkeiten Neugierde, Verspieltheit und Geselligkeit lassen sich in einen Kreislauf bringen:

Dank der Neugierde stossen wir auf Neues. Dank der Verspieltheit beschäftigen wir uns mit dem Neuen, probieren aus, was wir damit tun können. Dank der Geselligkeit wollen wir über unsere Entdeckungen erzählen und andere können die Erzählungen als Trigger für ihre Neugierde nehmen.
Somit lernen Menschen doch nicht alleine, sondern nur in einem sozialen Rahmen, wie auch Gray betont:
“When I say, that children educate themselves, of course, I don’t say that they do so in a vacuum. The natural environment of the human child is a social environment, in which each child is surrounded by people of all ages, who naturally demonstrate the skills of the culture and are predisposed to help one another learn when help is asked for. That is the kind of world in which our species evolved and to which our educative instincts are adapted.”
Gray zählt Bedingungen auf, die die Fähigkeit der Kinder, sich selbst zu bilden, optimieren:
- Die soziale Erwartung (und Realität), dass die Bildung in der Verantwortung der Kinder liege. Gegenteilige Erwartungen seien selbst-erfüllende Prophezeiungen.
- Unbeschränkte Freiheit zum Spielen, Entdecken und um eigene Interessen zu verfolgen. Kinder müssten das Gefühl der Autonomie spüren, die es gäbe, wenn keine Erwachsenen sie beobachten.
- Möglichkeit mit den Werkzeugen der jeweiligen Kultur zu spielen. Ziel müsse sein, durch kreatives Experimentieren mit diesen Werkzeugen kompetent umgehen zu können. Bei Jägern und Sammlern seien das Pfeil und Bogen, bei uns primär Computer und Internet.
- Zugang zu einer Vielzahl von fürsorglichen Erwachsenen, die unterstützen ohne zu werten. Verschiedene Erwachsene seien deshalb wichtig, weil sie unterschiedliche Funktionen einnehmen könnten. Die einen könnten gut trösten, andere durch spannende Geschichten zum Lernen anreizen, usw. So könnten alle unterschiedliche Formen von Vorbildern sein.
- Freie Altersdurchmischung unter Kindern und Erwachsenen. Spielen mit Kindern unterschiedlichen Alters sei weniger kompetitiv und biete mehr Lernmöglichkeiten untereinander.
- Eintauchen in eine stabile demokratische, moralische Gemeinschaft. In diesem Umfeld würden Kinder Verantwortung für sich und andere zu übernehmen lernen. Dies würden sie durch tägliches Erfahren lernen, nicht durch einen Vortrag.
Zusammenfassend könnte dieses Verständnis von Lernen zur Gleichung Lernen = Spielen führen. Ausgehend von diesem Lernverständnis kann ein “Lehr”verständnis abgeleitet werden, die bewusste Begünstigung obig genannter Prozesse.

Die Neugierde kann mit einer breiten Palette von Lernanreizen bewusst angesprochen werden, mit Büchern, dem Internet, Musikinstrumenten, Spielplätzen, Werkzeugen, Labor-Instrumenten, unterschiedlichen Menschen und vielem mehr.
Die Verspieltheit kann durch ein sicheres Umfeld, dem für die Beschäftigung mit den Lernressourcen optimalen Raum und viel freie Zeit begünstigt werden.
Zur Geselligkeit trägt die Möglichkeit bei, sich mit anderen Menschen – möglichst vielfältigen Charakteren unterschiedlichen Alters – zu vernetzen, wobei Menschen selbst bestimmen können, wen sie um sich haben möchten.
[1]: Gray, P. (2016). Mother Nature’s Pedagogy: How Children Educate Themselves. In H. E. Lees & N. Noddings (Eds.), The Palgrave International Handbook of Alternative Education (pp. 49–62). London: Palgrave Macmillan.