Der Titel “Digitale Dividende” des neuesten Buchs von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow erinnert an den bekannten Bestseller “Digitale Demenz” des Psychiaters Manfred Spitzer. Und das ist durchaus gewollt (hier übrigens Burows Rezension von Spitzers Buch auf Amazon). Burow, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel, betont vor allem die Chancen von ICT für das Lernen im 21. Jahrhundert und nicht die Gefahren. Der Untertitel des Buchs “Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule” widerspiegelt eine kritische Haltung Burows dem “alten” Schulsystem gegenüber, die sich durch das Buch zieht.
Burow unterscheidet drei Arten von Pädagogik:
- Pädagogik 1.0: Darunter versteht Burow “natürliches Lernen”, das Lernen aus eigenem Antrieb mit selbstgewähltem Lernziel
- Pädagogik 2.0: Lehr/Lernprozesse in der traditionellen Schule.
- Pädagogik 3.0: Künftige Art der Lehr/Lernprozesse, die aus einer Mischung von Pädgogik 1.0, Pädagogik 2.0 und der digitalen Dividende, also neuen Möglichkeiten durch ICT zusammengesetzt ist.
Pädagogik 1.0
Burows Vokabular erinnert mit Wörtern wie Potenzialentfaltung, Lernlust oder Förderung der Kreativität stark an Gerald Hüther und Ken Robinson, die er tatsächlich wiederholt erwähnt. Er stimmt mit ihnen überein, dass die normierenden Elemente des Schulsystems Kreativität und Lernlust abwürgen.
Das Konzept von Simplexity zieht sich quer durch das Buch: Ein komplexes System soll durch einfache einige wenige Kriterien verdichtet und handhabbar gemacht werden. Die schulische Bildung ist ein solches komplexes System. Burow versucht das System mit drei Modellen handhabbar zu machen, die sich wiederum je aus drei Faktoren zusammensetzen:
- Salutogenese: Durch Verstehbarkeit, Bedeutsamkeit und Handhabbarkeit soll Stress abgebaut werden und komplexe Situationen bewältigbar machen.
- Selbstbestimmungstheorie: Gemäss dieser Theorie sind Menschen für eine Aufgabe motiviert, wenn sie selbstbestimmt handeln können, die Aufgabe ihren Kompetenzen entsprechen und sinnvoll erscheint (vielfach wird eher von sozialer Eingebundenheit gesprochen).
- Wertschätzende Schulentwicklung: Burow modifiziert das Verfahren aus Robert Jungks Zukunftswerkstatt leicht und sieht Wertschätzung, Vision und Realisierung als die drei wesentlichen Phasen, um sich über die eigenen Stärken klar zu werden, gemeinsame Handelsziele zu formulieren und konkrete Umsetzungsmassnahmen zu entwickeln.
Nicht ganz klar ist, inwieweit dieses Kapitel tatsächlich das natürliche Lernen beschreibt und inwieweit es bereits versucht, Pädagogik 2.0 in Pädagogik 3.0 zu transformieren. Burow plädiert in diesem Kapitel etwa für den Umstieg vom linearen (“Mehr-desselben-Prinzip”) zum transformativen Denken. Als Beispiel für lineares Denken nennt er eine überlastete Strasse, die durch eine neue Spur erweitert werden soll, die aber bald auch schon überlastet ist, usw. Stattdessen müsse man einen Stopp einlegen, sich eine Vision überlegen, wie das Verkehrssystem in x Jahren aussehen soll und Massnahmen überlegen, wie man dahin kommt.
Pädagogik 2.0
In diesem Kapitel analysiert Burow das Bildungssystem und verortet (wie Michael Giesecke und andere Medientheoretiker auch) unsser Bildungssystem in die Zeit des Industrialismus:
«So wie die Fabrik aus dem Geist der industriellen Revolution bis etwa 1950, dem Höhepunkt der Massenproduktion, keine lernende Organisation, sondern eher eine starre Top-down-Organisation war, die auf den Prinzipien von Befehl und Gehorsam sowie auf vorgegebenen Arbeitsabläufen beruhte und durch eine von außen oktroyierte Zeitstruktur charakterisiert war, so folgte auch die öffentliche Bildung den Prinzipien des Fabriksystems und der Logik der industriellen Massenproduktion. Dies ist keine neue Einsicht: Schon 1874 erkannte ein englischer Beobachter (Robson), dass der moderne Schulraum und die Gestaltung des Schultages den Vorbildern von Fabrik und Militär folgen und entsprechend wirken. Hundert Jahre später, nämlich 1992, haben Lehner und Widmaier in einer Studie […] noch immer verblüffende Parallelen zwischen dem Fabriksystem und den Strukturen und Arbeitsabläufen gegenwärtiger Schulen aufgezeigt.» (S. 97)
Burow erkennt den Wert einer “verpflichtenden, systematischen, kostenlosen öffentlichen Erziehung und Bildung”. Ansonsten kommentiert er das System kritisch, hier ein Muster:
«Anstatt unsere Kinder vollgestopften Lehrplänen mit unnützem Stoff auszusetzen, sollten wir Freiräume schaffen, in denen sie Muße zur Perfektionierung derjenigen Gegenstände haben, die ihnen ein inneres, mit Leidenschaft besetztes Anliegen sind.» (S. 109)
Im Wesentlichen sieht er acht Kritikpunkte an der Pädagogik 2.0:
- Statt Außensteuerung – mehr Selbstbestimmung
- Statt Anpassung an vorgegebene Standards – Potenzialentwicklung
- Statt Abwertung und Selektion – Aufbau wertschätzender Beziehungen
- Statt normierter Zeitvorgaben – Rhythmisierung
- Statt Schule als Belehrungsanstalt – Schule als kreatives Feld
- Statt Jahrgangsklassen – Altersmischung
- Statt Einzelkämpfern – Teamschule
- Statt Burnout und Überlastung – gesundheitsförderliche Wohlfühlschulen
Pädagogik 3.0
Meiner Meinung nach völlig zurecht sieht Burow, dass die Probleme des 21. Jahrhunderts mit neuen Bildungskonzepten gelöst werden müssen. In einem nächsten Schritt analysiert Burow deshalb die Möglichkeiten, die ICT für das Lernen bringen kann. Er erwähnt den Wert von Tablets im Unterricht, die Khan Academy, MOOCs usw. Trotzdem bleibt dieser Teil des Buches etwas blass und es ist spürbar, dass dies nicht Burows Kernthema ist. Dies ist insofern schade, als dass der Titel des Buches genau auf diesen Aspekt fokussiert. Erwünscht hätte ich mir eine systematische Analyse, welche Grenzen ICT aufhebt (z.B. örtliche Grenzen), welche neue Möglichkeiten sich bieten (z.B. Automatisierung von Routinetätigkeiten) und was diese neuen Möglichkeiten für die Ausbildung bedeuten könnten.
Hingegen gehe ich mit Burows Fazit einig, dass die heutigen Probleme vermehrt in Gruppen gelöst werden müssen und wir uns demnach “vom Bild der isolierten Einzelleistung, Fragmentierung überwinden und Schüler wie Lehrer aus der Individualisierungsfalle befreien” müssen.
Doch was ist denn nun Pädagogik 3.0? Burows Antwort ist zuerst enttäuschend:
«Ein radikal vereinfachtes Schulsystem, das auf die gemeinsame, inklusive Beschulung bis zur neunten oder zehnten Klasse setzt, die verbunden sein muss mit einem differenzierten Fördersystem, das vom Kindergarten an bis zur Oberstufe alle mitnimmt.» (S. 223)
Das klingt für mich erstmal nach einem Beschrieb des finnischen Schulsystems. Begriffe wie “gemeinsame Beschulung”, “Kindergarten” und “Oberstufe” wirken für mich dabei befremdlich, weil sie Konzepte des alten Systemes sind. Allerdings geht Burow auf späteren Seiten weiter in die Tiefe mit 13 zentralen Kernaussagen zur Pädagogik 3.0 und mit 12 Thesen zur Schule der Zukunft, bei denen wir uns wieder finden (und denen ich bei Gelegenheit gerne separate Blog-Beiträge widmen werde).
Fazit: Alles in allem halte ich Burows Buch für sehr lesenswert und würde ihm eine ähnlich hohe Leserschaft wünschen wie Spitzers “Digitale Demenz”. Besonders die Analysen aus pädagogischer Sicht und die ganz konkreten Handlungstipps, wie Lehrpersonen und Schulleitende ihre Schule näher an Pädagogik 3.0 heranführen können, halte ich für sehr wertvoll. Ebenfalls schätze ich den breiten Blick von Burow, der Erkenntnisse und Aspekte verschiedenster Disziplinen einbezogen hat und nicht nur diejenigen seiner eigenen Fachdisziplin. Allerdings wäre es förderlich gewesen, wenn er zusätzliche Expertise zu ICT und Bildung einbezogen hätte. Vielleicht auch deshalb lehnt sich Burows Vorstellung von Pädagogik 3.0 meiner Meinung etwas zu sehr an die Muster des traditionellen Schulsystems an und können mir kaum helfen, meine eigene Vision weiterzuentwickeln.