Alphabet – Besuch der Kino-Vorpremiere

alphabet_artwork_kinoplakatGestern nahm ich als einer von rund 330 Kinobesucherinnen und -besucher an der Vorpremiere des Films Alphabet in Bern teil. Die allermeisten Besucher dürften Lehrpersonen gewesen sein, bewarb der Berner Lehrerverband den Anlass doch mit verbilligten Eintritten. Auf die Filmvorführung folgte eine Podiumsdiskussion.

Der Film begann in China und zeigte einen übermüdeten Schüler, der von seinem Umfeld getrieben, schulische Höchstleistungen bringen sollte. Die Mutter zeigte stolz stapelweise Auszeichnungen des Sohnes und dieser musste sich noch eine Medaille um den Hals hängen und zwang sich zu einem abwesenden Lächeln. Der chinesische Professor für Pädagogik Yang Dongping kommentierte das chinesische, stark auf Wettbewerb ausgerichtete Bildungssystem ebenso kritisch wie Mr PISA, Andreas Schleicher. Letzterer hinterliess einen zwiespältigen Eindruck: Der Film kritisierte die OECD mit ihren PISA-Vergleichen, welche den Bildungs-Wettbewerb unter den Ländern anheizt, Schleicher selbst scheinen die Auswirkungen des Wettbewerbs besonders in China – also dem Land, das bei den Vergleichstest immer ganz vorne dabei ist – aber nicht zu gefallen.

Weiter kommen in loser Abwechslung Kritiker des Schulsystems zu Wort: Der geadelte Innovationsberater Sir Ken Robinson, der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, die Schülerin Yakamoz Karakurt sowie Thomas Sattelberger, der ehemalige Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Telekom AG. Ken Robinson beschrieb unter anderem Studien, die bei Kindern sämtlicher Altersstufen sowie bei jungen Erwachsenen über 25 Jahren durchgeführt wurden. Geprüft wurde, wie gut die Probanden “Out of the box” denken konnten. Bei Kleinkindern waren es noch 98%, die das Attribut “genial” erreichten, dann nahm die Zahl kontinuierlich ab und bei den über 25-Jährigen waren es noch 2%. Dies wertet Robinson als Beleg, dass die Schule die menschlichen Veranlagungen zu Kreativität vernichtet. Daraus leitete der Film seinen Slogan “98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt.  Nach der Schule sind es nur noch 2%” ab. Gerald Hüther begleitete die Zuschauer zu einer Kirche, die mal in einem Dorf stand, das aufgrund der Kriege nicht mehr existiert. Er machte mit seinen gewohnt eingängigen Aussagen auf sich aufmerksam, wobei vor allem die Behauptung, das Schulsystem sei von den Preussen so angelegt worden, um willige Soldaten heranzuzüchten, in der Podiumsdiskussion im Anschluss der Filmvorführung intensiv diskutiert wurde. Ist diese Behauptung historisch haltbar? Ich habe meine Zweifel – auch wenn etwa Sugata Mitra ähnliche Aussagen macht über das britische Schulsystem im viktorianischen Zeitalter. Ist es nicht viel eher so, dass es schon immer Kriege gab und es schon immer Soldaten oder Krieger dazu brauchte, nur dass sich mit der Industrialisierung die Kriegsführung änderte? Thomas Sattelberger vertrat die wirtschaftliche Sicht und kritisierte den Wettbewerb stark, der sowohl in Wirtschaft wie auch in der Schule Einzug gehalten habe. Dieser würde zu einigen wenigen Gewinnern und ganz vielen Verlierern führen. Weiter kritisierte er die normierenden Ausprägungen des Schulsystemes, bei dem die Schülerinnen und Schüler unterrichtet, also gleichgerichtet würden, wer etwas krumm und eigen sei, müsse gerichtet werden, also konform gemacht werden. Zwischendurch las die Schülerin Yakamoz Karakurt ihren öffentlichen Brief vor, welchen Die Welt im August 2011 publizierte.

Weiter kamen immer wieder andere Protagonisten zu Wort, die weniger – resp. nur unterschwellig – das Schulsystem kritisierten, sondern vielmehr alternative Ansätze bewarben. André Stern und sein Vater Arno schilderten ausführlich, wie André ganz ohne Schulbesuch alles “auf natürliche Art” lernte, was er zum Leben brauchte. Sie zeichneten das Bild einer heilen Welt, ohne dass sich André hätte durch das System zurechtbiegen müssen. Für sie ist Lernen Spielen (in Form von Freispiel). Bei Freispielen gibt es kein explizites Ziel, resp. der Weg ist das Ziel. Das kontrastiert mit der Schule, wo das Ziel von aussen vorgegeben wird, normiert für alle Schülerinnen und Schüler. Kinder lernen also in der Schule – so meine spontane Überlegung – fremde Ziele anzunehmen, Ziele von aussen; sie lernen zu tun, was andere wollen.

Ein sehr belebender Farbtupfer stellte der Spanier Pablo Pineda Ferrer dar, der als erster Europäer mit Down-Syndrom einen Hochschulabschluss erwarb. Ich erwischte mich bei neidischen Gedanken, als er ganz ungezwungen und mit viel Schalk erzählte, dass er als Mensch mit Down-Syndrom machen und sagen könne, was ihm passe, er müsse sich nicht nach irgendwelchen Normen richten. Weshalb können wir Menschen ohne Down-Syndrom das nicht oder weniger gut? Erfrischend auch, wie er Gewohntes aus seiner ganz eigenen Perspektive analysierte und zu durchaus spannenden Erkenntnissen gelangt.

Der Film hinterliess das Publikum in nachdenklicher Stimmung – und genau das war das Ziel. Die Stimmung wurde durch die anschliessende ca. halbstündige Podiumsdiskussion gebrochen. Regisseur Erwin Wagenhofer und Protagonist André Stern vertraten die Filmemacher, sie wurden ergänzt durch Franziska Schwab, Leiterin Pädagogik beim Berner Lehrerinnen- und Lehrer-Verband, sowie durch Walter Herzog, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bern. Herzog erinnerte alleine schon durch sein Äusseres, grau gekleidet und bekrawattet an die herkömmliche Geisteshaltung, die der Film in Frage stellte: Normierung, Zurechtgebogen, nicht auffallen wollen in der Masse (was Herzog aber neben den übrigen farbig und locker gekleideten Diskutanten und vor allem nach dem Film tat). Er flocht immer wieder Pfeile gegen Gerald Hüther ein, ohne Gründe für seine Abneigung zu nennen und es fiel auf, dass er als einziger für seine Voten nie Applaus sondern gegen Schluss immer mehr Grummeln erntete vom Publikum. Besonders Wagenhofer und Herzog lieferten sich teilweise fast feindselige Wortgefechte. Herzog vertrat die Meinung, dass die Schule nicht primär den Kindern dienen müsse, sondern von der Gesellschaft finanziert werde und somit der Gesellschaft dienen müsse. Wagenhofer betonte, dass die Gesellschaft und somit auch die Schule von der Wirtschaft diktiert werde und das Bildungssystem vielmehr das Wohl der Kinder im Auge haben müsste. Das scheint mir durchaus eine spannende Frage: Bestimmt die Wirtschaft, welche Gesellschaft wir wollen und nutzt die Schule als Mittel zum Zweck, oder bestimmt die Gesellschaft, wie sie und die Wirtschaft und die Schule sein sollen? Wagenhofer warb für eine Haltungsänderung, Menschen nicht in ein Schema pressen und auf Leistung trimmen zu wollen, sondern sie ihren Weg gehen zu lassen. Allerdings konnte er – wie auch der Film – keine Lösungen aufzeigen konnte, wie diese Haltungsänderung auf breiter Basis vonstatten gehen könnte.

Published

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *