Schon länger auf meiner Leseliste stand das Buch von Pasi Sahlberg (Generaldirektor beim Zentrum für internationale Mobilität und Kooperation des finnischen Bildungsministeriums) mit dem Titel “Finnish Lessons. What can the world learn from educational change in Finland?”
Sahlberg beschreibt im Buch die Reformen im finnischen Bildungssystem der letzten drei Jahrzehnte. In dieser Zeit hat sich das finnische System in eine andere Richtung entwickelt als die meisten übrigen europäischen und nordamerikanischen Bildungssysteme, die vermehrt auf Kontrolle von oben, auf standardisierte Curricula und auf einheitliche Leistungsbeurteilung der Schülerinnen und Schüler setzten. Der Erfolg der Finnen gibt den Nordländern recht. Bei internationalen Messungen wie PISA schneiden die finnischen Jugendlichen stets sehr gut ab. Die Drop-Out-Quote ist vernachlässigbar. Die Varianz zwischen schlechter und besser ausgebildeten Menschen ist gering. Die Zufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer hoch. Genauso wie der wirtschaftliche Erfolg des Landes, auch wenn der Niedergang von Nokia ein herber Dämpfer war. Und das alles bei einem verhältnismässig geringem Bildungsbudget und bei einem geringen zeitlichen Aufwand der Schülerinnen und Schüler, gemessen an Anzahl Schuljahren, Anzahl Lektionen pro Woche und Anzahl benötigter Stunden für Hausaufgaben (selten höher als 0.5 h pro Tag).
Sahlberg nennt folgende Faktoren für den Erfolg:
- Der Lehrerberuf ist sehr angesehen in Finnland und die Lehrerausbildung entsprechend anspruchsvoll und selektierend. 2010 bewarben sich 6600 Finnen für 660 Studienplätze (!).
- Das Vertrauen in die Lehrkräfte ist hoch. Sie geniessen grosse Freiheiten.
- Der Lehrplan ist nur sehr vage gehalten und lässt Platz für inhaltliche und didaktische Experimente, die neue Erkenntnisse bringen.
- Lehrerinnen und Lehrer unterrichten deutlich weniger Lektionen pro Woche als im OECD-Durchschnitt (600 Stunden jährlich im Vergleich z.B. zu 1080 Stunden in den USA oder 750 in Deutschland). Ihnen bleibt somit mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung oder für Massnahmen zur Schulentwicklung.
- Der Fokus der meisten Lehrkräfte liegt bei der Förderung der Kinder und nicht beim Testen. Die Schülerinnen und Schüler werden erst bei der Matura (dem Abitur) geprüft. Sie erhalten aber regelmässig Rückmeldungen über ihren Lernfortschritt und ihr Verhalten. Da die Prüfungen wegfallen, bleibt mehr Zeit für das Lernen.
Vergleichsstudien haben etwa gezeigt, dass finnische Kinder weniger Angst beim Lernen empfinden als andere europäische Kinder im Durchschnitt. - Die Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten erfolgt sehr früh, bevor sie Schwierigkeiten verursachen. Während die Anzahl Kinder, die spezielle Förderprogramme benötigen, in fast allen europäischen im Laufe der Schulzeit zunehmen, nimmt sie in Finnland ab. Dank dem frühen Angehen von Lernschwierigkeiten müssen nur wenige finnische Schülerinnen und Schüler ein Schuljahr wiederholen, was die Kosten senkt.
Erstaunlich beim guten Abschneiden der Finnen bei den PISA-Test ists, dass die meisten getesteten Länder in den letzten Jahren den Fokus stärker auf die Förderung der getesteten Kompetenzen gelegt hat, besonders der Rechenfähigkeiten und der Lese- und Schreibkompetenz. Finnland hingegen hat ihre breite Ausbildung beibehalten. Die Haltung vieler Finnen hierzu lässt sich durch ein Zitat eines Mitgliedes des Nokia-Top-Kaders illustrieren:
«If we hier a youngster who doesn’t know all the mathematics or physics that is needed to work here, we have colleagues here who can easily teach those things. But if we get somebody who doesn’t know how to work with other people, how to think differently or how to create orignial ideas and somebody who is afraid of making a mistake, there is nothing we can do here. Do what you have to do to keep our education system up-to-date but don’t take away creativity and open-mindedness that we now have in our schools.»
Finnland erhält nun oft Besuch von Mitarbeitern von Bildungsministerien anderer Länder. Sahlberg warnt aber, nun einfach einzelne Elemente vom finnischen System zu übernehmen. Selbst wenn das System komplett kopiert würde, wäre der Erfolg nicht gewiss, da das System sich nahtlos in die jeweilige Gesellschaft einfügen muss. Sahlberg betont ausserdem, dass solche Transformationen lange Zeit dauern und scheitern, wenn die Reformen zu rasch erfolgen.