Am Freitag fand an der Universität Basel ein öffentliches Werkstattgespräch zum Thema “Wikipedia in den Wissenschaften” statt. Die Veranstaltung ist Teil des medienpraktischen Kurses “Schreiben für die Wikipedia” des Historischen Seminars (Dr. Peter Haber) und des Instituts für Medienwissenschaft (Prof. Dr. Christoph Tholen).
Nach einer Einführung der beiden Organisatoren referierte Frau PD Dr. Maren Lorenz über das Verhältnis von Struktur und Wirkungsmacht der Wikipedia als heimliches Leitmedium. Frau Lorenz hat sich offensichtlich eingehend mit der Wikipedia beschäftigt und dabei etliche strukturelle und qualitative Mängel festgestellt. Einige davon waren stimmig und sind den Wikipedianern längst bekannt, andere waren falsch. Beispielsweise propagierte sie die altbekannte Google-Verschwörung, wonach die Wikimedia Foundation eine Übereineinkunft mit Yahoo und Google hätte, in der Wikipedia eine gute Platzierung in den Suchergebnissen gewährt wird und in der Google und Yahoo der Wikimedia Foundation Server zur Verfügung stellen würden. Korrekt ist einzig, dass Yahoo 23 Server in Süd-Korea zur Verfügung stellt, um den asiatischen Raum besser bedienen zu können. Lorenz’ Fazit war, dass die Wikipedia weder in der Wissenschaft noch im Alltag genutzt werden sollte. Im Alltag solle man sich zum Beispiel mit einem Print-Lexikon behelfen (!).
Jan Hodel von der PH Nordwestschweiz relativierte diese Haltung. Zwar hat auch er Bedenken, die Wikipedia als wissenschaftliche Quelle zu nutzen, für den Alltagsgebrauch sieht er hingegen keine Bedenken. Für ihn wichtig ist, SchülerInnen und Studierende auf den Umgang mit der Wikipedia (und anderen Medieninhalten) vorzubereiten. Dem kann ich mich anschliessen.
Zuletzt berichteten Dr. Andreas Ineichen und Suzanne Schaer Pfister vom Historischen Lexikon der Schweiz über ihren Ansatz im Vergleich zum Ansatz der Wikipedia. Sie fänden es gut, wenn sich Online-Enzyklopädien öffnen und sich somit teilweise an die Wikipedia anpassen würden, beispielsweise durch eine Feedback-Funktion.
In der abschliessenden Diskussion lösten die Voten von Frau PD Dr. Maren Lorenz heftigen Widerstand hervor. Die Mehrheit war sich offenbar einig, dass die Wikipedia zur Zitation in der Wissenschaft nicht genügt, dass sie aber im Alltag durchaus von grossem Wert sei. Dem kann ich nur hinzufügen, dass es meines Wissens drei unabhängige Tests sowie eine wissenschaftliche Studie gibt, die allesamt der Wikipedia eine gleich hohe Qualität attestieren wie herkömmlichen Enzyklopädien.
Grundsätzlich finde ich es sehr erfreulich, dass die Wikipedia Thema in der Wissenschaft wird und dass das Historische Seminar und das Institut für Medienwissenschaft einen Semester-Kurs über die Wikipedia organisieren, bei dem die Studierenden unter anderem auch selber in der Wikipedia schreiben müssen. Erfreulich auch, dass der Kurs für externe Personen geöffnet wurde.
An der Tagung kam klar zum Ausdruck, welche Auswirkung die Wikipedia auf den Alltag, die Schule und die Wissenschaft hat und wie überfordert teilweise Schulen damit sind. Dass alle Internet-User an der Wikipedia arbeiten können, schafft Unsicherheit. Plötzlich beginnen sich die Leute zu fragen, wer denn eigentlich die Wikipedia-Artikel geschrieben hat, was die AutorInnen für Interessen haben, usw. Erst später realisieren viele, dass die Wikipedia diesbezüglich gar keinen Sonderfall darstellt, dass Fragen nach Interessen und Autorenschaft auch bei Inhalten aus dem ganzen Internet aber auch bei Print-, Audio- und Video-Medien gestellt werden sollten. Die Wikipedia ist also Katalysator für die Quellenkritik.
Hier noch einige spannende Zitate aus dem Werkstattgespräch, ganz unwissenschaftlich keinen Teilnehmern zugeordnet:
- “Hauptmotivation für über 80% der Autoren ist die Erweiterung des eigenen Wissens.”
- “Das Medium verändert die Welt, nicht die Inhalte.”
- “Wir sind die Informationsgesellschaft Null Beta.”
- “Die Wikipedia schafft die Reduktion von Komplexität.”
- “Die Ökonomisierung der Wikipedia ist der einzige gangbare Weg, die Wikipedia sollte also von bezahlten Fachleuten erstellt werden.”
- “Die Wikipedia zeigt die Probleme der Medienkompetenz mit rasender Geschwindigkeit.”
Ich bin gespannt, in welche Richtung sich der Semester-Kurs entwickelt. Spannend wären beispielsweise auch Fragen, ob und wie die Wikipedia die Wissenschaft beeinflusst, wie sich das Recherche-Verhalten von Studierenden im Zeitalter der Wikipedia verändert hat oder welche Kompetenzen Studierenden vermittelt werden sollten im Umgang mit der Wikipedia