Ein Semester lang beschäftigten sich sieben Studierende in einem medienpraktischen Kurs am Institut für Medienwissenschaften der Universität Basel mit der Wikipedia. Initiiert und geleitet wurde der Kurs durch den Historiker Dr. Peter Haber. Zu Beginn des Semesters stand das öffentliche Werkstattgespräch, über das ich auch schon berichtet habe.
Während des Semesters haben die Studierenden Wikipedia-Artikel verändert, ergänzt und neu angelegt. Ihre Tätigkeit in der Wikipedia und die Erfahrungen haben sie laufend im kursbegleitenden Wiki festgehalten. Zusätzlich haben sie im kursbegleitenden Blog Sitzungsprotokolle sowie teilweise sehr spannende Essays rund um die Wikipedia verfasst.
Zur letzten Sitzung waren Jan Hodel von der Pädagogischen Hochschule der FH Nordwestschweiz und ich eingeladen. Gemeinsam diskutierten wir konkrete Fragen zur Wikipedia und Möglichkeiten, die Wikipedia sinnvoll in Hochschul-Kursen zu verwenden.
Die Studierenden empfanden den Umgangston in der Wikipedia mehrheitlich als recht rüde. Schade, dass Wikipedia-Neulinge einen solchen Eindruck bekommen, ganz von der Hand weisen kann ich die Feststellung leider nicht. Ein verstärkender Grund könnte sein, dass die Studierenden teilweise experimentiert haben, welche Inhalte in der Wikipedia akzeptiert werden und welche nicht. Dabei gab es dann sehr schnell Kommentare wie “Band-Spamming” oder “nicht relevant” und die Studierenden wurden wohl dementsprechend in diese Ecke gerückt. Wikipedia-Neulinge, die qualitativ hochwertige Änderungen an Artikeln vornehmen und sich somit als wertvolle Mitstreiter offenbaren, dürften wohl freundlicher empfangen werden, so jedenfalls meine Vermutung.
Grundsätzlich stellten die Studierenden fest, dass formale Aspekte (Bildlizenzen, Wiki-Formatierung) sehr rasch beanstandet resp. in Ordung gebracht werden, der Inhalt selber aber selten beachtet wurde. Meine Antwort war, dass formale Aspekte auch von fachfremden Wikipedianern entdeckt und je nach dem rasch korrigiert werden können, für eine inhaltlich fundierte Kritik es aber zwingend jeweiliges Fachwissen benötigt. Je nach Wichtigkeit des Lemmas kann es länger dauern, bis eine Fachperson vorbeischaut und Zeit hat für eine genauere Analyse.
Spannend war auch die Feststellung, dass Artikel über lokale Bands sofort gelöscht wurden, der Artikel über das Harmonika-Orchester Murg aber zum Zeitpunkt der letzten Sitzung noch immer nicht (mittlerweile ist auch dieser Artikel gelöscht). Jan Hodel vermutete – und ich unterstütze diese Vermutung – dass Band-Spamming weitaus häufiger vorkommt in der Wikipedia als Orchester-Spamming und die Wikipedianer bei Bands deshalb viel sensibilisierter seien.
Zur Frage, wie die Hochschulen sinnvoll mit der Wikipedia zusammenarbeiten könnten, tauchte von Seiten der Studierenden die Idee auf, Zusammenfassungen von Referaten in die jeweiligen WP-Artikel zu stellen. Dies ist vor allem bei Stubs gut möglich, bei längeren WP-Artikeln braucht es sicherlich mehr Zeit, die Zusammenfassung sinnvoll in den Artikel einzuflechten.
Mein Vorschlag für eine anspruchsvollere Aufgabe war, dass die Studierenden versuchen sollten, einen Artikel in die Lesenswerten oder gar in die Exzellenten reinzubringen. Je nach Vorwissen würden die Studierenden dabei mit Sicherheit jede Menge lernen, sei es zur Medienkompetenz als auch zur interdiszipliäneren Zusammenarbeit. Diese Aufgabe sollte aber nur gestellt werden, wenn die Studierenden schon recht gut über die Mechanismen der Wikipedia Bescheid wissen.
Ich fand den Kurs an sich klasse, aber auch den Ansatz, die Wikipedia statt als Bedrohung (Stichwort: Wikipedia-Copy-Paste), als Chance und Herausforderung wahrzunehmen. Die Wikipedia ist nun einmal da, Schüler und Studierende verwenden sie, um Vorträge und so ähnliches zusammenzustellen. Ein Verbot bringt nichts; vielmehr sollte die Kompetenz gefördert werden, mit der Wikipedia umzugehen. Genau das hat der Kurs unter anderem getan.