Netzwerkanalyse der Wikipedia

In der Dezemberausgabe 2007 der Zeitschrift für Medienpädagogik habe ich einen spannenden Beitrag von Christian Stegbauer (in Zusammenarbeit mit Alexander Rauch und Elisabeth Bauer) zur Netzwerkanalyse der Wikipedia gefunden. Stegbauer geht der Frage nach, wieso Freiwillige in der Wikipedia mitarbeiten, und präsentiert drei Antwortmöglichkeiten:

  • Die Wikipedianer ziehen einen persönlichen Nutzen aus ihrer Arbeit in der Wikipedia
  • Die Wikipedianer fühlen sich in der Gemeinschaft wohl
  • Die Wikipedianer identifizieren sich mit einer Position innerhalb der Wikipedia

Die ersten beiden Varianten rückt Stegbauer in den Hintergrund (meiner Meinung nach zu unrecht) und betont stattdessen die Wichtigkeit der dritten Variante. Er erklärt sie mit einem Beispiel: Ein Neuautor editiert zum ersten Mal in der Wikipedia. Entweder wird sein Beitrag sofort wieder revertiert oder er wird auf seiner Benutzer-Diskussionsseite freundlich begrüsst. Im ersten Fall ist die Position, die der Neuautor mit seinem Beitrag einnimmt, schon ausreichend besetzt und er tritt in Konkurrenz mit anderen Autoren. Im zweiten Fall füllt er eine Lücke, kann dort Verantwortung übernehmen und fühlt sich so rasch integriert. Später kann der Neuautor seine Position wechseln und in einer anderen Nische, die ihm niemand streitig macht, Verantwortung übernehmen. So erklärt Stegbauer die schwache und flexible formelle Organisation in der Wikipedia und die Austauschbarkeit und Rotation der Personen.

Stegbauers Erklärung hat sicherlich etwas für sich, ich würde es aber nicht so absolut formulieren. Outet sich der Neuautor durch seine ersten Beiträge als Experte zu einem Thema, das noch nicht hinreichend abgedeckt wird, wird er vermutlich freundlich empfangen, auch wenn seine Beiträge formell nicht den Wikipedia-Gepflogenheiten entsprechen. Werkelt er aber an einem Thema, an dem bereits genügend andere Experten mitarbeiten, werden seine formell nicht passenden Beiträge wohl schneller kommentarlos revertiert. Ein weiteres Indiz, das Stegbauers Analyse sekundiert, ist meine Beobachtung, dass noch vor ein paar Jahren neue Autoren in der Wikipedia deutlich freundlicher empfangen wurden als in jüngerer Zeit, wo die meisten Themen bereits durch Experten abgedeckt sind.

Meiner Meinung nach sollten aber die beiden anderen Motivationserklärungen, der eigene Vorteil und das Gemeinschaftsgefühl, nicht ausser acht gelassen werden. Profitieren kann ein Autor z.B. durch das, was er dabei lernt. Stegbauer schreibt in der Einleitung:

»Häufig sind es junge Leute, die durch ihre Mitarbeit an Wikipedia völlig ohne pädagogischen Einfluss lernen. Wenn sich dieses internetbasierte Wunder übertragen liesse auf die universitäre Lehre, in die Erwachsenenbildung oder in die Schule, würde sich der Traum vieler Pädagoginnen und Pädagogen an einem projektorientierten selbstbestimmten Lernen erfüllen können.«

Neues entdecken, lernen an sich, ist wenigstens zu Beginn Motivation genug, in der Wikipedia mitzuarbeiten. Später spielt dann sicherlich das Verantwortungsgefühl für die (eigenen) Inhalte und die Position innerhalb der Wikipedia eine bedeutendere Rolle.

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