“Schein als Sein – Medien, Kommerz und Öffentlichkeit” heisst der fünfte Band der Schriftenreihe des Adolf-Arndt-Kreises. Verschiedene Autoren diskutieren spannende und aktuelle Themen wie die sich schleichend auflösende Pressefreiheit, die Konvergenz von Telekommunikation, Informationstechnologie und Medien oder wie Medien sich durch PR bestimmen lassen, indem sie unter Zeitdruck zum Beispiel unkritisch Medienmitteilungen wiedergeben, statt selbst Themen zu suchen.
Mathias Schindler, Vorstandsmitglied von Wikimedia Deutschland, ist im Band mit einem – erwartungsgemäss fundierten und spannenden – Artikel über die Wikipedia vertreten. Er schildert drei Annekdoten aus der Geschichte der Wikipedia:
- Nach der Bomben-Explosion im Londoner Nahverkehr am 7. Juli 2005 entstand in der englischsprachigen Wikipedia sofort ein Artikel zum Ereignis. Innerhalb von 12 Stunden nach dem Attentat wurde der Artikel 1500 mal bearbeitet. Der US-Geheimdienstkoordinator sagte zwei Jahre später, die Wikipedia hätte in den ersten 24 Stunden gegenüber der Nachrichtendienste einen Informationsvorsprung gehabt.
- Ende 2006 schmuggelte Alex Rühle, Journalist der Süddeutschen Zeitung, etliche Fehler in die Wikipedia ein und berichtete anschliessend darüber, wieviele der Fehler wie schnell gefunden oder eben nicht gefunden wurden. Als Konsequenz sperrte ein Wikipedianer den Schreibzugriff der Süddeutschen wegen Vandalismus. Die Süddeutsche verstand das irgendwie falsch und meinte, auch der Lesezugriff auf Wikipedia-Artikel sei gesperrt. In einem Telefonanruf an Wikimedia Deutschland bat ein SZ-Redaktor die Sperre aufzuheben, da dadurch die Produktionsabläufe der Zeitung gestört seien.
- Ein AFP-Mitarbeiter hatte grosse Teile des Wikipedia-Artikels über die Amische kopiert und in einem Bericht veröffentlicht, ohne die GFDL zu beachten. Die Presseagentur verweigerte auch nachträglich den Quellennachweis mit der Begründung, die Wikipedia sei nicht zitierfähig.
Mathias Schindler verknüpft die Annekdoten geschickt mit dem Kontext seines Artikels, in dem er beispielsweise die Funktionsweise der Wikipedia mit jener herkömmlicher Enzyklopädien vergleicht:
»Damit verzichtet Wikipedia auf ein grosses Privileg, das sich die Herausgeber gedruckter Nachschlagewerke mühsam erkämpft haben: einzige Textform mit zumindest teilwissenschaftlichem Anspruch zu sein, die auf Belege verzichten kann.«
ISBN: 978-3-8305-1467-1