Vom Organisatoren-Team der Wikimania 2010 wurde ich als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema Relevanz in der Wikipedia eingeladen. Darüber habe ich mich sehr gefreut und bedaure ausserordentlich, dass ich die Einladung aufgrund einer Terminkollision nicht wahrnehmen kann. Gerne möchte ich an dieser Stelle kurz meine Gedanken zum Thema darlegen – ohne natürlich die Fragen der Podiumsdiskussion zu kennen.
Welche Themen gelten in der Wikipedia als relevant?
Grundsätzlich wird die Relevanz in der deutschsprachigen Wikipedia durch die Relevanzkriterien bestimmt.
Was ist das Ziel der Relevanzkriterien?
Im Unterschied zu Print-Enzyklopädien ist der Platz in der Wikipedia nicht beschränkt, die einzelnen Artikel stehen also nicht in Konkurrenz zueinander. Ziel der Relevanzkriterien ist einzig, die Qualität der Wikipedia zu wahren.
Was ist das Ergebnis der Relevanzkriterien?
Die Relevanzkriterien reduzieren primär den Artikel-Bestand.
Wer bestimmt die Relevanz?
Die Kriterien sind historisch gewachsen und wurden laufend verfeinert. Sie widerspiegeln einen Kompromiss der Vorstellungen von Relevanz, welche die Mitverfasser der Kriterien haben. Relevanz ist subjektiv, d.h. die Kriterien entsprechen nicht zwingend den Vorstellungen der Leser. Leser wären mitunter dankbar über Informationen zu einem Thema, das in der Wikipedia als nicht relevant gilt.
Tragen die Relevanzkriterien zur Qualität der Inhalte bei?
Das ist umstritten. Die Relevanzkriterien schränken den Bestand nicht nach qualitativen Aspekten ein. Entspricht ein Artikel nicht den Kriterien, wird er meist gelöscht, egal ob der Artikel von hoher oder niedriger Qualität ist. Befürworter der Relevanzkriterien argumentieren, dass die Kriterien aber zur Qualität der Wikipedia beitragen, weil sie den Artikel-Bestand einschränken und ihn somit wartbarer machen. Kritiker der Relevanzkriterien argumentieren, dass mit jedem qualitativ brauchbaren Artikel, der aufgrund fehlender Relevanz gelöscht wird, ein potentieller guter Wikipedia-Autor vergrault wird, der sich längerfristig hätte für die Wikipedia engagieren und zur Qualitätssteigerung hätte beitragen können. Ich kenne keine wissenschaftliche Erkenntnis, die hier eine klare Antwort gibt. Wir wissen also nicht, ob die Relevanzkriterien längerfristig tatsächlich zur Qualität der Inhalte beitragen.
Was ist die Problematik der Relevanzkriterien?
Es werden nicht schlechte Artikel gelöscht, sondern Artikel, die nicht den Kriterien entsprechen, die von Wikipedianern für Wikipedianer festgelegt wurden. Es werden nicht Artikel zu Themen behalten, welche die Leser interessiert, sondern Artikel, die künstlichen Kriterien entsprechen.
Wie könnte das Problem gelöst werden?
1. Ansatz: Die Relevanzkriterien werden durch Qualitätskriterien ersetzt. Die Relevanzkriterien werden abgeschafft. Kein Artikel wird aufgrund mangelnder Relevanz gelöscht. Stattdessen werden Artikel aufgrund mangelhafter Qualität gelöscht. Qualitätskriterien könnten sein, dass die Inhalte belegt werden müssen, dass sie objektiv sein müssen, dass sie keine Theoriefindung und keine Selbstdarstellung sind und dass sie verständlich sein müssen. Dabei müsste ein Grenzwert festgelegt werden, wie grob die Mängel maximal sein dürfen. Konkret könnten Artikel mit mangelhafter Qualität mit einem Baustein versehen und zu einer Liste hinzugefügt werden, ähnlich den heutigen Löschkandidaten. Angegeben werden die Punkte, die nicht den Qualitätskriterien entsprechen. Werden die Mängel nicht innerhalb einer gewissen Zeitspanne bereinigt, wird der Artikel gelöscht. Im besten Fall würde also über Qualität diskutiert und nicht über subjektive Relevanzkriterien.
2. Ansatz: Die bisherigen “Relevanzkriterien” werden durch echte Relevanzkriterien ersetzt. Die bisherigen Relevanzkritieren werden abgeschafft. Stattdessen werden alle Artikel gelöscht, die beispielsweise im vergangenen Jahr durchschnittlich weniger als 1 mal täglich aufgerufen wurden. Oder es werden alle Artikel gelöscht, die schätzungsweise für z.B. weniger als 10’000 Personen auf der Welt interessant sein würden. Beispielsweise die Bäckerei ums Eck ist allenfalls für die Dorfbewohner und die Bekannten des Bäckers interessant, insgesamt in einem Dorf mit 3000 Einwohnern wohl deutlich weniger als 10’000 Personen. Die erste Variante hätte den Nachteil, dass die Besucherstatistik durch gezielte Aufrufe manipuliert werden könnte. Letztere Variante hätte den Nachteil, dass sie voraussichtlich zu vielen Diskussionen führen würde, wie viele Personen sich für einen Artikel interessieren könnten. Es würde wieder über eine künstliche Relevanz diskutiert, statt über die Qualität. Bei beiden Varianten würden aber die Artikel behalten, die für die Leser relevant sind, und nicht jene, die für die Wikipedianer relevant sind.
3. Ansatz: Eine Kombination aus 1. und 2. Man beginnt mit den Qualitätskriterien. Stellt sich die Menge an Artikeln als nicht wartbar heraus, kann man alle Artikel löschen (oder in einen anderen Namensraum verschieben, etc.), die weniger als x mal pro Tag/Monat/Jahr aufgerufen werden. Ist der Bestand noch immer nicht wartbar, wird x höher angesetzt.
4. …
Abschliessend sei erwähnt, dass ich die Diskussionen über die Relevanz in der Wikipedia nur mit einem Auge mitverfolgt habe und meine obigen Vorschläge vielleicht längst anderswo diskutiert und verworfen wurden. Die jetzige Lösung mit den Relevanzkriterien überzeugt mich persönlich nicht; meine Vorschläge könnten sich bei einer vertieften Analyse oder in der Praxis aber natürlich ebenfalls als unzulänglich erweisen.