Durch einen Tipp von Beat Döbeli habe ich mir mal das Buch “Die neue Bildungskrise. Lernen im Computerzeitalter” vogeknöpft, verfasst im Jahr 1982 vom mittlerweile emeritierten Informatik-Professor Klaus Haefner. Das Buch ist auch 30 Jahre nach dem Erscheinen von Interesse. Haefner machte sich im Buch vor allem Gedanken, welche Auswirkungen die “Informatisierung” (heute würde er wohl von “Digitalisierung” sprechen) auf die Bildung haben werde. Er sah die Bedeutung der Bildung für die Ausübung von Routinetätigkeiten sinken (S. 17; S. 187) und als Konsequenz davon hielt er einen kompletten Umbau des Bildungssystems für notwendig.
«Das Verhältnis der heutigen Schüler und Studenten zur Informationstechnik entspricht dem des Analphabeten vor 300 Jahren: So wie dieser zuvor wusste, dass es Bücher gab – die damals fast ausschliesslich von Gelehrten, Priestern, Militärs und Herrschern genutzt wurden, aber für ihn selbst unerreichbar waren -, so steht der mittlere Bürger der Industrienationen heute der Informationstechnik gegenüber: beeindruckt, besorgt, interessiert – aber letztlich unwissend.» (S. 18)
In der Beseitigung des digitalen Analphabetismus hat sich seither nur wenig getan, ja, wir sind weit entfernt von einem entsprechenden Konsens.
“Lernen auf Vorrat” erachtet Haefner nicht mehr als sinnvoll, stattdessen seien Fragen wichtig wie “Wie orientiere ich mich?”, “Was kann ich überhaupt brauchen?”, “Wann brauche ich was?” oder “Wie organisiere ich meine informationelle Welt?” (S. 204). Ja! Leider haben wir die letzten 30 Jahre vorüberziehen lassen, ohne die Bildung deutlich in diese Richtung zu lenken.
«Geht es darum, Informationsverarbeitungsleistung anzubieten, so hat die Industrie gegenüber dem Bildungswesen den Vorteil einer schnellen und geschmeidigen Antilope gegenüber einem langsam voranschreitenden Flusspferd: Während sie auf schnellem Kurs die technische Informatisierung der Gesellschaft vorantreibt, bewegt sich das Bildungswesen mit 600’000 Lehrern schweren Schrittes von Reförmchen zu Reförmchen, ohne die akute Gefahr bisher überhaupt ernsthaft registriert zu haben. Hierbei entschuldigt es sich für seinen schweren Tritt mit der “Verantwortung für den gesamten Menschen, der gebildet werden muss”, ohne aber explizit darzustellen, welcher Anteil der vermittelten Qualifikationen durch das Angebot der informationstechnischen Industrie obsolet ist und welcher Anteil weiterhin zentral bleibt.» (S. 207)
Wurde die Gefahr mittlerweile erkannt? Von vielen im Bildungswesen beschäftigen Personen wohl schon, aber offenbar nicht von den richtigen…
In einer Tabelle listet Haefner typische Lernziele, die aufgrund “informationstechnischen Lösungen” irrelevant werden (S. 182):
Zumindest der letzte Punkt scheint aus heutiger Sicht etwas gewagt. Haefner begründet ihn wie folgt:
«Text- und Sprachverarbeitung werden im nächsten Jahrzehnt einen drastischen Einbruch in die Nutzung des – geschichtlich jungen – Kunstprodukts “geschriebene Sprache” bringen; diese wird an vielen Stellen wieder durch das gesprochene Wort ersetzt werden. Damit aber wird die Bedeutung des Lernziels “Richtig-schreiben-Können” zurückgehen […].» (S. 211)
Weitere Zitate aus dem Buch findet sich in Beat Döbelis Biblionetz.
(Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Buch-Ausgabe von 1985 bei Rowohlt, das Original erschien 1982 bei Birkhäuser.)

