Nach 8 Jahren als Klassenlehrerin an der Unterstufe habe ich mich entschieden, Erfahrungen im Kindergarten zu sammeln. Nicht weil mir die Begeisterung abhanden gekommen wäre, nochmals neue Erstklässler auf ihrer Lernreise in die Welt der Zahlen und Buchstaben zu begleiten. Auch nicht, weil mir die Unterstützung seitens der Eltern, des Kollegiums oder der Schulleitung gefehlt hätte. Sondern weil die Rahmenbedingungen an der heutigen Schule im Kanton Aargau, gerade auch mit der Einführung der neuen Promotionsverordnung, mich immer mehr einengten und zuviel Freiraum nahmen, meinen Unterricht kreativ und ganzheitlich zu gestalten. Zu schnell werden die Erstklässler vom einseitigen Leistungsdruck überrollt.
Ein zweimonatiger Aufenthalt in einem Waldorfkindergarten im Reservat der Lakota-Indianer liess meinen Wunsch wachsen, die Stufe zu wechseln. Gerne wollte ich einmal jüngere Kinder auf ihrer Forschungs- und Entdeckungsreise begleiten und hoffentlich noch etwas mehr Gestaltungsfreiraum haben.
Dieser Entschluss wurde sicher beschleunigt durch die sehr ungünstigen Bedingungen mit meiner letzten Schulklasse, die mit 26 Kindern, darunter eines mit sehr starkem ADHS, auf kleinstem Raum lernen musste. Da war es mir einfach nicht mehr zufriedenstellend möglich, den Kindern einen Lernraum zu geben, in dem sie ihre Potenziale, ihre Begabungen individuell entwickeln konnten. Es schien mir oft, dass meine Arbeit mehr einer “Massenabfertigung” gleich kam und persönliche Zuwendungen nur noch während der Pausen und Randzeiten stattfinden konnten. Sonst vermochte ich den Kindern gar nicht mehr richtig zuzuhören, es warteten ja immer noch viele weitere.
Ich hatte mich mit den Jahren vermehrt bei manchen Lernzielen gefragt, wie relevant sie in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch sind. Ich versuchte, wohl aber noch zu wenig mutig und konsequent, eigene Wege zu gehen. So durften meine Schüler wöchentlich für zwei Lektionen das Schulzimmer in den Wald verlegen und dort projektmässig arbeiten und dies bei jedem Wetter. Es war mir wichtig, durch Kreativität und Authentizität die Kinder zu stärken und Verantwortung übernehmen zu lassen. Ich griff immer wieder Themen auf, die von den Kindern in die Schule gebracht wurden und versuchte Lernsituationen mit dem Leben zu verknüpfen, anstatt sie isoliert anzubieten. So legten wir beispielsweise auf Wunsch der Kinder einen kleinen Garten an. Doch spürte ich immer wieder meine Unzufriedenheit, weil ich kapitulieren musste, um Ruhe im Schulzimmer zu erhalten. Ich verstand sehr gut, warum meist die Antwort ist, vermehrt frontal zu unterrichten und auf „bewährtes“ Material zurückzugreifen, anstatt neue Lernsettings entstehen zu lassen. Denn vor lauter neuer administrativer Anforderungen – die oftmals zu wenig nachhaltig sind und für die Unterrichtsqualität kaum gewinnbringend – Korrekturen, Belegen sammeln und Prüfungen, fehlt zu häufig die Zeit für das Wesentliche, das Vorbereiten und Eintauchen in neue Lerninhalte.
Meine Ausbildung zur Naturpädagogin und die anschliessende Tätigkeit im Wald hat mir neue Wege geöffnet und mir bewusst gemacht, was da alles schlummert und sich im Kind entfalten könnte. Das Miteinander mit Kindern, die voller Entdeckungsfreude, Forschergeist und mit der Offenheit, von- und miteinander zu lernen in den Lernraum Wald aufbrechen, ist eine unglaublich tolle Chance, die leider noch viel zu wenig genutzt wird.
Ich lasse mich nun mit Neugierde auf die Arbeit im Kindergarten ein und freue mich, zu erfahren, was die Kinder vor der Primarschulzeit beschäftigt und wie sie lernen. Das Leistungsrad dreht sich im Kindergarten noch langsamer und die Kinder sind freier in der selbstbestimmten Gestaltung ihres Lernweges. Ich hoffe, Erfahrungen sammeln zu können, um mir eine klarere Vorstellung zu machen, wie eine Lernumgebung aussieht, welche potenzialorientierter fördert, eine Lernwelt, in der die Kinder selbstbestimmter lernen und in der ich kreativer und ganzheitlicher das Kind in seinen Lernprozessen begleiten und fördern kann.