In einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels sind Bücher über neue Modelle und Ideen hocherwünscht. Ganz besonders in der Bildung: Die meisten von uns haben ein ähnliches Bild von “Schule” in unseren Köpfen, umso spannender sind alternative Bilder. “EduAction” beschreibt ein solches alternatives Bild, ein Bild einer Schule in Berlin, der evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum (esbz).
Das selbstgewählte Lernziel der Berliner Schule lautet “Lebensunternehmer”. Entsprechend versucht sie sich von der üblichen Wissensvermittlung zu lösen und stattdessen die Potentiale der Schülerinnen und Schüler und deren Kreativität gezielt zu fördern.
«Innovationsgeist und Kreativität sind uns deshalb abhandengekommen, weil die meisten Menschen die Schule mit ihrem heimlichen Lehrplan der Anpassung 10, 12 oder 13 Jahre lang durchlaufen mussten. […] Kreativität braucht Raum zum Scheitern ohne Beurteilung. Stattdessen herrscht im Schulsystem die totale Orientierung auf Leistung mit ständiger Bewertung.» (S. 23)
Die esbz will deshalb nicht dem “heimlichen Lehrplan: Tu das, was dir aufgetragen wird” (S. 23) folgen, sondern den Schülerinnen und Schülern Raum für die Umsetzung eigener Ideen bieten:
«Unsere Gesellschaft braucht aber immer weniger Pflichterfüller. Sie braucht vielmehr kreative Gestalter, autonome Denker, Menschen mit Verantwortung und Rückgrat.» (S. 24)
Das Modell der esbz basiert auf “Lernen zu handeln”, “Lernen, Wissen zu erwerben” und “Lernen, zusammen zu leben”. “Zu handeln” versucht die esbz zu fördern, indem sie die SuS mit realen Projekten auseinandersetzen lässt (s. dazu auch meinen kürzlichen Blog-Beitrag zu ACSI 2012).
«Die Lebenswirklichkeit ist prägender Lehrstoff. In den realen Erfahrungsräumen wird Verantwortung übernommen oder Indifferenz gelernt, hier wird Demokratiefähigkeit eingeübt oder eine (Un-)Kultur des Wegsehens. Hier können sich Achtsamkeit und Ehrfurcht, der Mut zu Visionen und die Kraft des Herzens bilden, hier entscheidet sich, ob das Leben mutig gewagt wird.» (S. 39)
Konkret hat die esbz drei “verbindliche Formate für das Lernen im Leben” (S. 41) im Curriculum verankert:
- Projekt Verantwortung: All SuS der 7. und 8. Klasse müssen für ein Jahr eine verantwortungsvolle Aufgabe im Gemeinwesen suchen.
- Projekt Herausforderung: Alle SuS der 8.-10. Klasse müssen sich selbst eine Aufgabe suchen, die ausserhalb von Berlin innerhalb von 3 Wochen bewältigt werden muss. In der 11. Klasse müssen alle mindestens für 3 Monate ins Ausland und sich dort im besten Fall für ein soziales oder ökologisches Projekt engagieren.
- Projektunterricht: Die SuS der 7.-9. Klasse arbeiten an einem Tag über mehrere Wochen an einem fächerübergreifenden Thema. Das Thema kann ausserhalb der Schule und mit externen Experten bearbeitet werden.
Weiter hat die esbz folgende Formate in ihre Schule integriert:
- Sprachbotschafter: Die SuS unterstützen durch Peer Coaching sozial benachteiligte Grundschüler (kann im Rahmen des Projekts Verantwortung erfolgen).
- Lernbüros: Die SuS wählen jeden Vormittag aus, ob sie für eine Doppelstunde Mathe, Englisch, Deutsch oder Natur & Gesallschaft belegen möchten. Entsprechend ihrer Wahl gehen sie dann in eines der vier Lernbüros und erledigen einen Baustein aus einem Karteikasten. In den Lernbüros sitzt jeweils eine Lehrperson, die SuS müssen bei Problemen jedoch zuerst Mitschüler fragen. Die Lernfortschritte werden in einem Logbuch festgehalten.
- Lehrerfortbildungen durch SuS
Grundsätzlich habe ich den Eindruck gewonnen, dass die esbz ihren Jugendlichen mehr zutraut als konventionelle Schulen. Die AutorInnen des Buches lassen eine Grundschullehrerin zu Wort kommen, die ebenfalls praxisorientierte Projektarbeiten in ihr Curriculum aufgenommen hat:
«Ich habe gelernt, dass ich den Kindern Vertrauen entgegenbringen muss. […] Je mehr sie gemerkt haben, dass sie sich engagieren können, dass sie etwas bewirken können, umso mehr wollen sie das auch tun. […] Das sind ganz starke Kinder geworden. […] Sie haben gemerkt, dass sie ganz viel können und nicht nur Menschen sind, die man auf Noten reduzieren kann.» (S. 45)
Dass die esbz ihren Jugendlichen mehr zutraut, macht sich beispielsweise auch im Projekt Herausforderung bemerkbar. Jeder Jugendliche erhält für die drei Wochen lediglich 150 Euro für Unterkunft, Fahrkosten und Verpflegung, dh. die Jugendlichen müssen selbst Wege finden, sich trotz des viel zu knappen Budgets durchzuschlagen, indem sie etwa für Unterkunft Arbeit suchen.
Die Erkenntnis, dass man Verantwortung tragen nicht aus Büchern und moralischen Appellen lernen kann (S. 52) klingt simpel, in das herkömmliche Schulsystem passt sie aber trotzdem nicht wirklich.
Das Buch gibt eine Fülle von praktischen Informationen, wie all diese Ansätze in ganz normalen Schulen, unter Einhaltung aller Reglemente und Vorgaben, integriert werden können (wobei ich nur die wichtigsten erwähnt habe). Die Verbreitung ihrer Elemente scheint den beiden AutorInnen (u.a. der Leiterin der esbz) ein wichtiges Anliegen zu sein. Beispielsweise bietet die esbz an, dass ihre Jugendlichen Lehrpersonen aus anderen Schulen einführt in ihr System. Für mich klingt das Ganze gut, schon fast zu gut. Immer wieder stellt sich die Frage, wo ein Lehrerkollegium einer Schule die Zeit und Energie hernehmen soll, nur schon um einen einzelnen esbz-Bausteine zu integrieren. Ein Teil der Antwort ist wohl, dass die Jugendlichen deutlich mehr Verantwortung übernehmen sollen.
Margret Rasfeld, Peter Spiegel: “EduAction. Wir machen Schule.”. Murmann Verlag, Hamburg, 2012. ISBN 978-3-86774-181-1
