Derzeit kursiert die Videoaufnahme eines Referates von Rolf Schulmeister über Massive Open Online Courses (MOOCs) in sozialen Netzwerken.
Schulmeister analysiert vier MOOCs von Udacity und Coursera didaktisch. Inhaltlich finde ich sein Referat wenig ergiebig, da eine Analyse der Didaktik von MOOCs kaum neue Erkenntnisse bringen kann im Vergleich zu einer Analyse der Didaktik von Offline-Vorlesungen. Schulmeisters Verdienst ist es aber, dass er den Hype, den Udacity & Co. ausgelöst haben, auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt und dass er zu Diskussionen angeregt hat – zumindest in meinem engeren Umfeld. Die Diskussionen drehen sich sowohl um den Inhalt von Schulmeisters Referat als auch um MOOCs allgemein. Einige Kritikpunkte am Referat sind:
- Eine Analyse der Didaktik von MOOCs ist kaum ergiebig.
- Schulmeister stellt MOOCs in keinen Kontext, beispielsweise fehlt ein Vergleich zu Offline-Vorlesungen gänzlich.
- Schulmeister nimmt die hohen Abbruchzahlen von Usern, die sich in MOOCs eingeschrieben haben, aber den Kurs nicht zu Ende machen, als Kritikpunkt. Unerwähnt lässt er, dass man bei MOOCs einfach mal in einen Kurs hineinschnuppern kann, was bei analogen Universitäten weniger gut möglich ist und viel seltener getan wird. Im Sinne der Relativierung der hohen Nutzerzahlen, mit denen MOOC-Betreiber werben, ist Schulmeisters Kritik natürlich angebracht.
- Inhaltlich zeigt sich die Grenze, auf Basis einer Analyse von n=4 MOOCs eine pauschale Aussage über MOOCs zu machen. Schulmeister bemängelt u.a., dass die Anbieter von MOOCs die Videos nach Ablauf der Kursdauer sperren. Das ist bei vielen Kursen jedoch nicht der Fall. Ich bin in etlichen Kursen eingeschrieben und gucke mir alle paar Wochen, wenn ich 10 Minuten überbrücken muss oder ähnlich, mal wieder eine Video-Episode an. Insofern relativiert sich auch Schulmeisters Kritik, dass Kurse zeitlich kaum zu schaffen seien.
- Heikel finde ich auch, dass Schulmeister den Inhalt eines privaten Skype-Gespräches mit Udacity-Mitgründer Sebastian Thrun öffentlich macht, aber das muss mich nicht interessieren.
MOOCs eröffnen meiner Meinung nach aber durchaus spannende Diskussionspunkte:
- Inwiefern unterscheiden sich MOOCs und Offline-Vorlesungen bezüglich dem didaktischen Potential? Die Unterschiede sind vermutlich gering, aber einige Punkte gibt es dennoch. Z.B. lassen sich in Offline-Veranstaltungen Interaktionen etwa in Form von “diskutieren Sie in den nächsten 2 Minuten mit Ihrem Nachbarn…” einbauen. In Online-Kursen ist das schwieriger, stattdessen lassen sich interaktive digitale Elemente wie LearningApps einbauen (ja, ginge bei herkömmlichen Veranstaltungen via Tablets & Co. auch) oder eine Programmierumgebung, so wie Udacity dies tut und damit ihre MOOCs zu einer Kombination von Vorlesung und Übung macht.
- Inwiefern nehmen MOOCs Einfluss auf den herkömmlichen Hochschulbetrieb? Besteht vermehrt die Gefahr, dass Lehrveranstaltungen Sparrunden zum Opfer fallen, mit Verweis auf ähnliche kostenlose Online-Kurse?
- Wie beeinflusst die öffentliche Verfügbarkeit von MOOCs die Didaktik? Die Öffentlichkeit generiert auch Kritik (s. etwa Referat von Schulmeister), führt diese zu verstärkten didaktischen Anstrengungen?
- Welchen Einfluss hat die Möglichkeit der Learning Analytics auf die Qualität und die Didaktik der MOOCs?
- Wie beeinflusst die kostenlose Verfügbarkeit von MOOCs die Bildung von Personen, die in keiner Hochschule eingeschrieben sind? Wie beeinflusst sie die Weiterbildung? Welchen Einfluss haben sie auf den Stellenwert von Hochschulen?