Analoge und digitale Elemente im Bildungswesen

Am vergangenen Samstag durfte ich in einem Zertifikatslehrgang für Lehrpersonen drei Stunden zu den Auswirkungen des Internets auf das Bildungswesen gestalten. Im Zentrum standen medientheoretische Aspekte, die auf Marshall McLuhan und Michael Giesecke zurückgehen, wonach das Internet den Buchdruck als Leitmedium ablöst und sich die Gesellschaft dem neuen Leitmedium anpasst. Bereits früher hatte ich hier im Blog einige Eigenschaften des Buchdruckes und des Internets als Leitmedien gelistet. Inzwischen ist die Liste etwas verfeinert:

Gemäss der auf McLuhan zurückgehenden Theorie dürfte die Gesellschaft – resp. gesellschaftliche Bereiche wie die Ausbildung – allmählich die Eigenschaften des Buchdruckes abstreifen und jene des Internets annehmen. Wie könnte das konkret aussehen? Am Workshop habe ich den Teilnehmenden eine Auswahl von schulischen Elementen gegeben. Die Teilnehmenden diskutierten, ob die Elemente eher in die analoge Welt oder eher in die digitale Welt passen. Zu diesem Zweck kam LearningApps zum Einsatz:

(Spoiler-Warnung: Wer das LearningApp ohne Beeinflussung mal durchspielen möchte, bitte noch nicht weiterlesen.)

Bei den meisten Elementen waren sich die Teilnehmenden untereinander einig und ihre Lösung entsprach auch meiner. Diskutiert wurde beim Element “Medienbildung”. Ich hatte es zur digitalen Bildung geordnet, aber es gab durchaus schlüssige gegenteilige Argumente. Medienbildung gab es schon früher, einfach mit dem Fokus auf stromlose Medien. Nimmt man Medienbildung als Fach und nicht als übergeordnete Kompetenz-Föderung, dann entspricht dies ebenfalls eher der analogen Welt, da die Aufteilung in vordefinierte Fächer Züge des Buchdruckes hat.
Eine kurze Diskussion gabs beim Element “Interaktives Whiteboard”. Doch es leuchtete rasch ein, dass IWBs den normierenden Frontalunterricht befördern und somit eher dem alten Leitmedium entsprechen.
Weiter waren sich die Teilnehmenden einig, dass “Naturpädagogik” in die analoge Welt gehört, wohingegen ich als Ersteller der App dieses Element der digitalen Welt zugeordnet hatte. Meine Überlegung: Naturpädagogik basiert hauptsächlich auf den Unterricht im Wald. Dieser kann schlecht geplant, schlecht normiert werden, sondern lebt stark von momentanen Ereignissen (“Just in Time”, “Dynamisch”). Beispielsweise taucht ein Reh auf oder die Kinder entdecken Pilze, usw. Wald als Lernraum bietet sich vor allem für individuelles Experimentieren und Entdecken an, die Kinder haben Raum, sich gegenseitig etwas beizubringen (“N:N-Beziehungen”), wie man z.B. eine Hütte bauen oder mit Baumstämmen und eine Wippe errichten kann.

Natürlich gibt es kein richtig und falsch. Mit der App wollte ich aufzeigen, dass eine “digitale Bildung” nicht ausschliesslich strombasiert sein (z.B. E-Learning), sondern ebenso stromlose Elemente umfassen darf. Umgekehrt können neue strombasierte Elemente wie ein interaktives Whiteboard entstehen, die aber der Denkart der auslaufenden Buchdruck-Kultur entspricht. Sprich: Digital im Sinne von “in die digitale Welt passend” ist nicht gleichbedeutend mit digital im Sinne von “strombasiert”. Oder wie McLuhan schon sagte:

«Wir sollten uns davor hüten, die Formen alter Technologien zu nutzen, um mit neuen zurechtzukommen – das bringt nichts.»

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