Wikipedisten und Wikipedianer – Forscher und Beforschte

An der Konferenz Critical Point of View trafen sich Wikipedisten und Wikipedianer. Dass dies nicht ganz konfliktfrei ist, zeigen die Blog-Beiträge des Wikipedianers Southgeist und des Wikipedisten Peter Haber. Southgeist kommentierte auf seine gewohnt offene und unverklausulierte Art und Weise von der Konferenz, Peter Haber bezieht sich in seinem Blog-Beitrag hauptsächlich auf Southgeists Kommentare. Peter Haber interpretiert die Haltung von Southgeist als Vertreter der Wikipedianer wie folgt:

»Wir wissen, was wir zu wissen brauchen und der Rest interessiert uns nicht. Also lasst uns doch in Ruhe.«

Weiter schreibt Haber:

»Vielleicht ist dies ja ein verständlicher Reflex von Beforschten den Beforschenden gegenüber, in der Sache bedeutet dies aber, dass der eigentlich sehr notwendige Dialog der Wikipedisten mit den Wikipedianern weiterhin schwierig bleibt.«

Ich selber habe die Konferenz nur aus der Ferne mitverfolgt. Nicht zuletzt dank dem Live-Blogging von Southgeist konnte ich mir eine gute Vorstellung über den Inhalt und die Qualität der Konferenz-Beiträge machen. Ich verstehe mich sowohl als Wikipedianer als auch als Wikipedisten und kann beide Positionen gut verstehen. Tatsächlich sehe ich eine Grundspannung zwischen den beiden Gruppierungen. Nicht unbegründet sind Ethnologen zum Beispiel bei den nordamerikanischen Indianern die unbeliebtesten Gäste überhaupt. Ich habe selber miterlebt, wie EthnologInnen der Ansicht sind, die Indianer besser zu verstehen als jene selbst und Diskussionen mit Indianern als überflüssig erachten; ebenso gibt es Indianer die Diskussionen mit Ethnologen als überflüssig erachten.

Meiner Meinung nach braucht es beides: Ethnologen oder Wikipedisten, die Kulturen aus einer theoretischen Sicht von aussen analysieren und Indianer oder Wikipedianer, die ihr Insider-Wissen einbringen. Eine gegenseitige Abwehrhaltung ist menschlich und von der Funktion der beiden Gruppierungen her verständlich. In meiner Wahrnehmung haben es etliche Wikipedisten aber durchaus durch qualifizierte Beiträge geschafft, sich bei etlichen Wikipedianern Gehör zu verschaffen, dazu zähle ich zum Beispiel Christian Stegbauer wie auch den erwähnten Peter Haber.

Die beiden Blog-Beiträge offenbaren aber auch weitere Grunddiskrepanzen zwischen der Wikipedia-Kultur und der akademischen Kultur:

  • Akademiker pflegen Kritik in diplomatische Worte zu fassen und sind sich offene Kritik nicht gewohnt. Für Wikipedianer sind harte und offene Diskussionen an der Tagesordnung.
  • Viele Akademiker sind sprachlich in ihrer Welt gefangen und haben Mühe, den Inhalt zielpublikumsgerecht zu präsentieren. Wikipedianer bereiten Inhalte für ein Massenpublikum auf und sollten sich deshalb Mühe geben, verstanden zu werden.
  • Gemäss Wolf Wagner hüllen viele Akademiker ihre Inhalt gar absichtlich in schwer verständliche Sätze, um sich von der Masse abzugrenzen. Wikipedianer bewegen sich auf der Grenze von Akademie und der Masse und sind sich den Transfer gewohnt.
  • Viele Akademiker messen der Didaktik nur geringen Wert bei. Hm, viele Wikipedianer auch 😉
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