Die Hauptsorge der Wikimedia Foundation als Betreiberin der Wikipedia ist derzeit der Autorenschwund. Zwischen 2007 und 2009 ist die Zahl aktiver Wikipedianer in der englischsprachigen Wikipedia von über 50’000 auf unter 40’000 gesunken. Noch dramatischer sieht es bei den Neuautoren aus: Waren 2004 40% der Neuautoren nach einem Jahr noch aktiv, waren es 2009 nur noch etwas mehr als 10%. Die Wikimedia Foundation hat deshalb einersteits dazu aufgerufen, Vorschläge zu machen, wie der Autorenschwund gestoppt werden kann und andererseits hat sie eine Resolution verabschiedet, in der sie zu mehr gegenseitigem Respekt und zu mehr Freundlichkeit innerhalb der Wikipedia-Community aufruft.
Als Gründe für den Autorenschwund werden immer wieder die selben Punkte genannt:
- Technik: Der Editor mit der Wikisyntax in der Wikipedia ist für viele zu kompliziert. Dieses Problem liesse sich durch die Bereitstellung eines WYSIWYG-Editors lösen, das eigentliche Problem sind aber die Nerds in der Wikipedia, die auf die Wiki-Syntax nicht verzichten möchten und die nicht verstehen, dass ein Durchschnitts-Akademiker (die in der Wikipedia besonders willkommen wären) mit der Wiki-Syntax überfordert ist.
- Sozialer Umgangston: Der Umgangston in der Wikipedia wird oft als rüde beschrieben, Neuautoren werden durch einen ersten negativen Kontakt verjagt, statt dass sie mit offenen Armen empfangen werden. Ein kleines Beispiel dazu: An einem Referat kürzlich hatte ich unangemeldet einen neuen Artikel über ein Schweizer Gymnasium angelegt, unformatiert, ungefähr so, wie neue Artikel täglich unzählige Male angelegt werden. Nach wenigen Minuten war der Artikel schnellgelöscht mit der Begründung “nicht relevant”, obwohl es zu Gymnasien keine klaren Ausschusskriterien gibt. Zwei Tage später habe ich angemeldet den Artikel nochmals eingestellt, diesmal mit Formatierungen. Der Artikel wurde bislang nicht beanstandet.
Verprellung von Neuautoren ist das eine, der schlechte Ton innerhalb der bestehenden Community das andere. Hier könnte ein wesentlicher Grund zu starkes Engagement sein. Oft fliegen die Fetzen wegen Kleinigkeiten, alles im Namen der Qualität. Viel geholfen wäre, wenn die Wikipedianer heftige Diskussionen aufgrund von Kleinigkeiten wie Benennungen, Begrifflichkeiten etc. vermeiden würden – diese Bitte richtet sich auch an mich selbst. Mir sind zu viele Fälle bekannt, bei denen jemand sich wegen Streit um Kleinigkeiten aus einem Fachgebiet zurückgezogen hat. - Zu komplexes Regelwerk: Wie bei jeder gewachsenen Community stieg auch bei der Wikipedia das Regelwerk mit den Jahren und erschwert Neulingen den Einstieg. Dieses Problem wird wohl nicht so einfach zu verbessern sein.
Ich begrüsse die Anstrengungen der Wikimedia Foundation, die Probleme anzupacken. So einfach dürfte das nicht sein. Die Technik lässt sich vergleichsweise leicht verbessern, die Menschen weniger. Auch wenn etwa mit einem WYSIWYG-Editor eine Hürde wegfällt, ist es fraglich, ob die Autorenzahl künftig zumindest stabil gehalten werden kann. Vielleicht müsste man künftig über zwei weitere Massnahmen nachdenken:
- Externe Mitarbeitende: Die Wikimedia-Chapters könnten versuchen, gezielt mit bestehenden Institutionen zusammenzuarbeiten, und diese dazu ermutigen, sich in der Wikipedia schreibend zu engagieren, so wie es im Themengebiet nachwachsende Rohstoffe geschehen ist.
- Bezahlte Mitarbeitende: Unbeliebte Tätigkeiten in der Wikipedia könnten gegen Bezahlung geleistet werden. Viele Artikel werden gelöscht, weil niemand sie auf ein Mindestniveau verbessert hat (s. obiges Beispiel). Löschen gibt weniger Arbeit als Verbessern. Das wäre z.B. eine Tätigkeit, die von bezahlten Mitarbeitenden geleistet werden könnte, ohne dass diese stark in Konkurrenz zu den freiwilligen Mitarbeitenden treten. Derzeit ist dieses Thema in der Wikipedia noch tabu, das könnte sich aber mit grösserem Handlungsdruck ändern.
