Gemäss dem Medientheoretiker Marshall McLuhan übertragen sich die Eigenschaften des Leitmediums auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft. Mit dem derzeitigen Leitmedienwechel verliert unsere Gesellschaft deshalb die Eigenschaften des früheren Leitmediums Buch und nimmt jene des neuen Leitmediums Internet* an.
Das Buch hat unter anderem folgenden Eigenschaften:
- 1:N: Ein Printerzeugnis hat einen Autor (oder einige wenige) aber viele Leserinnen und Leser.
- Beständigkeit: Ein Printerzeugnis verändert sich nicht, auch nach 20 Jahren steht noch das selbe darin.
- Normiert: Alle auf Basis einer bestimmten Vorlage gedruckten Produkte sind identisch.
- Textbasiert: Printprodukte sind überwiegend textbasiert.
- Lokal: Informationen stehen nur dort zur Verfügung, wo sich das Printerzeugnis physisch befindet.
Das Internet hingegen hat folgende Eigenschaften:
- N:N: Alle Internetnutzer können Informationen veröffentlichen und alle können sie rezipieren. Autoren und Leser/Leserinnen sind identische Personengruppen.
- Unbeständigkeit: Webseiten können sich permanent ändern.
- Individualisiert: Eine Webseite kann bei jedem Nutzer anders aussehen, etwa die Suchtreffer von Google unterscheiden sich von Person zu Person.
- Multimedial: Im Internet wird kein Datentyp bevorzugt behandelt.
- Vernetzt: Die Informationen stehen überall zur Verfügung, wo es Internetzugang gibt. Und Internetzugang gibt es in Europa schon jetzt beinahe überall.
Nach McLuhans Theorie nimmt auch die Bildung die Gestalt des Leitmediums an. Bildung in der Buch-Kultur (analoge Bildung) sähe demnach verglichen mit der Bildung in der Internet-Kultur (digitale Bildung) wie folgt aus:
| Analoge Bildung | Digitale Bildung |
|---|---|
| 1:N | N:N |
| Just in Case | Just in Time |
| Normiert | Individualisiert |
| Textbasiert | Multimedial |
| Lokal | Vernetzt |
Die Bildung in der typografischen Kultur hat folgende Eigenschaften des Buches übernommen:
- 1:N: Die Lehrperson ist die Wissensträgerin (also gewissermassen das Printerzeugnis), die Schülerinnen und Schüler die Rezipienten (also die “Leserinnen und Leser”). Es gibt eine Hierarchie zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen/Schülern.
- Just in Case: Wissen wird auf Vorrat gelernt, damit das Wissen bei Bedarf abgerufen werden kann. Der Fächerkanon ist über lange Zeit beständig.
- Normiert: Fächerkanon, Lehrpläne und Prüfungen sorgen dafür, dass alle Kinder in der Schule annähernd das selbe lernen. Etwas flapsig formuliert: So wie bei der Druckmaschine quasi vorne eine Vorlage reinkommt und hinten x Kopien derselben rauskommen, kommen bei der Bildungsmaschine ein Lehrplan und ein Fächerkanon hinein und hinten kommen x beinahe identische Menschen heraus.
- Textbasiert: Im Zentrum der Bildung steht die Alphabetisierung, also die Förderung des Lesens und Schreibens.
- Lokal: Die formelle Bildung erfolgt lokal in Schulhäusern.
Daraus lässt sich die digitale Bildung, also die künftige Bildung ableiten:
- N:N: Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Lehrenden und Lernenden. Lernende sind zugleich Lehrende und umgekehrt. Lernen ist weitestgehend hierarchiefrei.
- Just in Time: Der Zeitpunkt des Lernens ist beliebig. Das dürfte darüber hinaus gehen, dass die einen lieber vormittags lernen und die anderen lieber abends. Vielmehr lernt jemand etwas vielleicht mit acht Jahren und jemand anders vielleicht mit 48 Jahren.
- Individualsiert: Die Lernziele sind beliebig. Dh. obiger Punkt muss ergänzt werden durch: Oder jemand lernt etwas überhaupt nicht. Stattdessen lernt diese Person etwas ganz anderes. Wir bestimmen selbst, was auf unsere Festplatte im Kopf gespeichert wird.
- Multimedial: Der Datentyp des Lerninhaltes ist beliebig. Wer gerne mit Text lernt, tut dies so, andere lernen lieber mit Videos oder lassen sich etwas von einer Person mündlich erklären.
- Vernetzt: Der Lernort ist beliebig. Grundsätzlich kann über das Internet von überall gelernt werden, natürlich kann man auch lokal und offline lernen, wer dies bevorzugt.
Unter diesem Gesichtspunkt scheinen mir Ansätze wie ein Fach Medienbildung, 1:1-Computing, digitale Lehrmittel oder E-Learning digitale Elemente in einem analogen System zu sein und nicht der Endzustand einer digitalen Bildung.
* Ich spreche hier verkürzt von einem Leitmedium “Internet”, McLuhan sprach von elektronischen Medien, denkbar ist auch “ICT” (Informations- und Kommunikationstechnologien).