{"id":868,"date":"2007-10-27T09:19:00","date_gmt":"2007-10-27T09:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/theorie-vs-praxis\/"},"modified":"2007-10-27T09:19:00","modified_gmt":"2007-10-27T09:19:00","slug":"theorie-vs-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=868","title":{"rendered":"Theorie vs. Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Der Soziologe Michael Gemperle von der Uni Basel hat mich diese Woche eiskalt erwischt. Ich habe das Buch &#8220;Ein neues Zeitalter des Wissens?&#8221; gelesen, das er zusammen mit Peter Streckeisen herausgegeben hat. Das Buch umfasst &#8220;kritische Beitr\u00e4ge zur Diskussion \u00fcber die Wissensgesellschaft&#8221;. Ich \u00e4rgerte mich gerade \u00fcber die &#8220;verbildeten Theoretiker&#8221;, die es nicht schaffen, einen verst\u00e4ndlichen Satz zu verfassen, da stiess ich auf den Beitrag von Michael zum Thema &#8220;Die Ideologie der Praxis &#8211; ein Instrument zur Privilegiensicherung in der Wissensgesellschaft.&#8221; Der Beitrag war sogar in einer vergleichsweise angenehmen Sprache geschrieben, so dass ich \u00fcber die ersten Seiten hinauskam, obwohl ich nach Feierabend schon ziemlich m\u00fcde war.<\/p>\n<p>Michael kritisiert, dass allerorts die verbildeten Theoretiker kritisiert werden und stattdessen ein Praxisbezug der Wissenschaft gefordert wird. Seine Ausf\u00fchrungen scheinen mir recht schl\u00fcssig zu sein. Er unterscheidet zwischen Studierenden, die einen Elternteil mit akademischer Bildung haben und solchen, die das nicht haben. Studierende ohne akademisch gebildeten Eltern w\u00fcrden deutlich st\u00e4rker den Praxisbezug fordern als jene mit einem akademisch gebildeten Elternteil. Die von ihm genannten Gr\u00fcnde leuchteten mir ein, so z.B. dass Studierende ohne akademisch gebildeten Eltern typischerweise finanziell weniger von den Eltern getragen seien, neben dem Studium arbeiten m\u00fcssten und deshalb die Praxis f\u00fcr sie wichtiger sei.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach hat Michael Gemperle den wichtigsten Grund aber nicht genannt: Die Sprache. Die &#8220;verbildeten Theoretiker&#8221; verwenden oft &#8211; vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein &#8211; eine eigene, akademische Sprache, die ausserhalb ihrer Kreise nicht verstanden wird: Nominalisierte Verben, komplizierte Schachtels\u00e4tze, Passivkonstruktionen, unn\u00f6tige Fremdw\u00f6rter (was ist der Vorteil von &#8220;urban&#8221; im Gegensatz zu &#8220;st\u00e4dtisch&#8221;?) und Fachbegriffe, die ganze theoretische Konzepte enthalten und die ich nicht kritisiere. Studierenden mit akademisch gebildeten Eltern ist diese Sprache oft schon vertraut und sie verstehen sie m\u00fcheloser als Studierende ohne akademsich gebildeten Eltern, so meine Vermutung.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrden ein Monat intensiver Mitarbeit in der Wikipedia und die entsprechenden R\u00fcckmeldungen von den Wikipedianern die &#8220;verbildeten Theoretiker&#8221; zu einer kognitiv sinnvolleren Sprache verhelfen, was letztlich das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die sicherlich wichtige Grundlagenforschung steigern w\u00fcrde.  Die Wikipedia achtet auf eine leicht verst\u00e4ndliche Sprache &#8211; sie will ja von m\u00f6glichst vielen Menschen verstanden werden und nicht nur von einer elit\u00e4ren Splittergruppe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Soziologe Michael Gemperle von der Uni Basel hat mich diese Woche eiskalt erwischt. Ich habe das Buch &#8220;Ein neues Zeitalter des Wissens?&#8221; gelesen, das er zusammen mit Peter Streckeisen herausgegeben hat. 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