{"id":803,"date":"2012-05-08T13:38:00","date_gmt":"2012-05-08T13:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/digitale-bildung-vs-analoge-bildung\/"},"modified":"2012-05-08T13:38:00","modified_gmt":"2012-05-08T13:38:00","slug":"digitale-bildung-vs-analoge-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=803","title":{"rendered":"Digitale Bildung vs. analoge Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Gem\u00e4ss dem Medientheoretiker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marshall_McLuhan\">Marshall McLuhan<\/a> \u00fcbertragen sich die Eigenschaften des Leitmediums auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft. Mit dem derzeitigen Leitmedienwechel verliert unsere Gesellschaft deshalb die Eigenschaften des fr\u00fcheren Leitmediums Buch und nimmt jene des neuen Leitmediums Internet* an.<\/p>\n<p>Das Buch hat unter anderem folgenden Eigenschaften:<\/p>\n<ul>\n<li><b>1:N:<\/b> Ein Printerzeugnis hat einen Autor (oder einige wenige) aber viele Leserinnen und Leser.<\/li>\n<li><b>Best\u00e4ndigkeit:<\/b> Ein Printerzeugnis ver\u00e4ndert sich nicht, auch nach 20 Jahren steht noch das selbe darin.<\/li>\n<li><b>Normiert:<\/b> Alle auf Basis einer bestimmten Vorlage gedruckten Produkte sind identisch.<\/li>\n<li><b>Textbasiert:<\/b> Printprodukte sind \u00fcberwiegend textbasiert.<\/li>\n<li><b>Lokal:<\/b> Informationen stehen nur dort zur Verf\u00fcgung, wo sich das Printerzeugnis physisch befindet.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0Das Internet hingegen hat folgende Eigenschaften:<\/p>\n<ul>\n<li><b>N:N:<\/b> Alle Internetnutzer k\u00f6nnen Informationen ver\u00f6ffentlichen und alle k\u00f6nnen sie rezipieren. Autoren und Leser\/Leserinnen sind identische Personengruppen.<\/li>\n<li><b>Unbest\u00e4ndigkeit:<\/b> Webseiten k\u00f6nnen sich permanent \u00e4ndern.<\/li>\n<li><b>Individualisiert:<\/b> Eine Webseite kann bei jedem Nutzer anders aussehen, etwa die Suchtreffer von Google unterscheiden sich von Person zu Person.<\/li>\n<li><b>Multimedial:<\/b> Im Internet wird kein Datentyp bevorzugt behandelt.<\/li>\n<li><b>Vernetzt:<\/b> Die Informationen stehen \u00fcberall zur Verf\u00fcgung, wo es Internetzugang gibt. Und Internetzugang gibt es in Europa schon jetzt beinahe \u00fcberall.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach McLuhans Theorie nimmt auch die Bildung die Gestalt des Leitmediums an. Bildung in der Buch-Kultur (analoge Bildung) s\u00e4he demnach verglichen mit der Bildung in der Internet-Kultur (digitale Bildung) wie folgt aus:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr bgcolor=\"#DEDEDE\">\n<th>Analoge Bildung  <\/th>\n<th>Digitale Bildung  <\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1:N<\/td>\n<td>N:N<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Just in Case<\/td>\n<td>Just in Time<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Normiert<\/td>\n<td>Individualisiert<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Textbasiert<\/td>\n<td>Multimedial<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Lokal<\/td>\n<td>Vernetzt<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Bildung in der typografischen Kultur hat folgende Eigenschaften des Buches \u00fcbernommen:<\/p>\n<ul>\n<li><b>1:N:<\/b> Die Lehrperson ist die Wissenstr\u00e4gerin (also gewissermassen das Printerzeugnis), die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Rezipienten (also die &#8220;Leserinnen und Leser&#8221;). Es gibt eine Hierarchie zwischen Lehrpersonen und Sch\u00fclerinnen\/Sch\u00fclern.<\/li>\n<li><b>Just in Case: <\/b>Wissen wird auf Vorrat gelernt, damit das Wissen bei Bedarf abgerufen werden kann. Der F\u00e4cherkanon ist \u00fcber lange Zeit best\u00e4ndig.<\/li>\n<li><b>Normiert:<\/b> F\u00e4cherkanon, Lehrpl\u00e4ne und Pr\u00fcfungen sorgen daf\u00fcr, dass alle Kinder in der Schule ann\u00e4hernd das selbe lernen. Etwas flapsig formuliert: So wie bei der Druckmaschine quasi vorne eine Vorlage reinkommt und hinten x Kopien derselben rauskommen, kommen bei der Bildungsmaschine ein Lehrplan und ein F\u00e4cherkanon hinein und hinten kommen x beinahe identische Menschen heraus.<\/li>\n<li><b>Textbasiert:<\/b> Im Zentrum der Bildung steht die Alphabetisierung, also die F\u00f6rderung des Lesens und Schreibens.<\/li>\n<li><b>Lokal:<\/b> Die formelle Bildung erfolgt lokal in Schulh\u00e4usern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daraus l\u00e4sst sich die digitale Bildung, also die k\u00fcnftige Bildung ableiten:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0<b>N:N:<\/b> Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Lehrenden und Lernenden. Lernende sind zugleich Lehrende und umgekehrt. Lernen ist weitestgehend hierarchiefrei.<\/li>\n<li><b>Just in Time:<\/b> Der Zeitpunkt des Lernens ist beliebig. Das d\u00fcrfte dar\u00fcber hinaus gehen, dass die einen lieber vormittags lernen und die anderen lieber abends. Vielmehr lernt jemand etwas vielleicht mit acht Jahren und jemand anders vielleicht mit 48 Jahren.<\/li>\n<li><b>Individualsiert:<\/b> Die Lernziele sind beliebig. Dh. obiger Punkt muss erg\u00e4nzt werden durch: Oder jemand lernt etwas \u00fcberhaupt nicht. Stattdessen lernt diese Person etwas ganz anderes. Wir bestimmen selbst, was auf unsere Festplatte im Kopf gespeichert wird.<\/li>\n<li><b>Multimedial:<\/b> Der Datentyp des Lerninhaltes ist beliebig. Wer gerne mit Text lernt, tut dies so, andere lernen lieber mit Videos oder lassen sich etwas von einer Person m\u00fcndlich erkl\u00e4ren.<\/li>\n<li><b>Vernetzt:<\/b> Der Lernort ist beliebig. Grunds\u00e4tzlich kann \u00fcber das Internet von \u00fcberall gelernt werden, nat\u00fcrlich kann man auch lokal und offline lernen, wer dies bevorzugt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unter diesem Gesichtspunkt scheinen mir Ans\u00e4tze wie ein Fach Medienbildung, 1:1-Computing, digitale Lehrmittel oder E-Learning digitale Elemente in einem analogen System zu sein und nicht der Endzustand einer digitalen Bildung.<\/p>\n<p>* Ich spreche hier verk\u00fcrzt von einem Leitmedium &#8220;Internet&#8221;, McLuhan sprach von elektronischen Medien, denkbar ist auch &#8220;ICT&#8221; (Informations- und Kommunikationstechnologien).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gem\u00e4ss dem Medientheoretiker Marshall McLuhan \u00fcbertragen sich die Eigenschaften des Leitmediums auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft. 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