{"id":802,"date":"2012-06-19T07:55:00","date_gmt":"2012-06-19T07:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/auswirkungen-der-wikipedia-auf-die-schule\/"},"modified":"2012-06-19T07:55:00","modified_gmt":"2012-06-19T07:55:00","slug":"auswirkungen-der-wikipedia-auf-die","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=802","title":{"rendered":"Auswirkungen der Wikipedia auf die Schule"},"content":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe des Basler Schulblattes (Ausgabe Nr. 6-7, Juni\/Juli 2012) erschien ein kurzer Beitrag von mir zum Einfluss der Wikipedia auf die Schule. Der Beitrag kann auf der <a href=\"http:\/\/bsb.edubs.ch\/paperbook\/junijuli2012\">Website des Basler Schulblattes<\/a> als Flash-Version gelesen werden (S. 4-5). Alternativ hier die von mir eingereichte unlektorierte Version des Beitrages:<\/p>\n<blockquote><p><b>Wikipedia &#8211; eine Enzyklop\u00e4die macht Schule<\/b><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Januar 2001. Jimmy Wales\u2019 Konzept f\u00fcr seine neue Online-Enzyklop\u00e4die klingt abenteuerlich: Eine inhaltslose Plattform im Internet, einen Knopf \u201cSeite bearbeiten\u201d und die Aufforderung an die Leserinnen und Leser der Enzyklop\u00e4die, den Inhalt doch gleich selbst zu schreiben. Und wenn sie schon dabei sind, sollen sie doch bitte sch\u00f6n noch einige Dollar f\u00fcr die Betriebskosten spenden.<br \/>Zehn Jahre sp\u00e4ter gibt es seine Enzyklop\u00e4die, die Wikipedia, in mehr als 250 Sprachen. Die englische Sprachversion deckt mit rund 3.5 Millionen Eintr\u00e4gen zehn Mal so viele Stichworte ab wie der grosse Brockhaus. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, wie man fr\u00fcher Hausaufgaben ohne die Wikipedia l\u00f6sen konnte. Und das Time Magazine hat Jimmy Wales als einen der 100 einflussreichsten Denker der Welt eingestuft.<\/p>\n<p><b>Unterschiedliche Qualit\u00e4t<\/b><br \/>Das urspr\u00fcngliche Konzept der Wikipedia besteht noch immer: Alle Leserinnen und Leser d\u00fcrfen neue Wikipedia-Artikel anlegen und bestehende \u00fcberarbeiten. Wales hat in den USA eine gemeinn\u00fctzige Stiftung gegr\u00fcndet, die Wikimedia Foundation, und dieser die Wikipedia vermacht. Die Wikimedia Foundation ist allerdings nur f\u00fcr den Betrieb der Online-Enzyklop\u00e4die besorgt, nicht f\u00fcr den Inhalt. Sie besch\u00e4ftigt keinen einzigen bezahlten Mitarbeiter, der Inhalte schreibt oder korrigiert. Das tun Tausende von Freiwilligen aus aller Welt, Studierende, Wissenschaftlerinnen, Handwerker und Pension\u00e4re. Offensichtlich haben sie mehr Gewicht als jene, die die Offenheit der Wikipedia f\u00fcr Unfug nutzen, um Testeintr\u00e4ge zu verfassen oder um Inhalte zu manipulieren.<br \/>Die Wikipedia wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich besser und umfangreicher. Verschiedene Vergleichstest attestieren ihr eine \u00e4hnlich hohe Qualit\u00e4t wie den bekannten Print-Enzyklop\u00e4dien und neuerdings gar wie Fachlexika. Doch diese Tests spiegeln nur die halbe Wahrheit wider. Im Unterschied zu herk\u00f6mmlichen Enzyklop\u00e4dien sind die Wikipedia-Artikel qualitativ heterogen. Das h\u00e4ngt mit dem Redaktionsprozess<br \/>zusammen: Je nach Sprachversion kontrollieren die Freiwilligen zwar jede \u00c4nderung<br \/>systematisch bevor sie sie freischalten, aber nur bez\u00fcglich offensichtlichem Vandalismus.<br \/>Eine systematische inhaltliche Kontrolle gibt es nicht. Die Freiwilligen tun, wozu sie gerade Lust haben, ziemlich unkoordiniert. Ein Artikel wird von 100 Freiwilligen im Auge behalten, ein anderer von niemandem. Heikel sind vor allem Nischenthemen. Und genau diese werden bei Vergleichstests nicht ber\u00fccksichtigt, da zum entsprechenden Eintrag in der Wikipedia das Pendant im Brockhaus oder der Encyclop\u00e6dia Britannica fehlt.<\/p>\n<p><b>Qualit\u00e4t einsch\u00e4tzen<\/b><br \/>Der Redaktionsprozess der Wikipedia unterscheidet sich stark von jenem von Printmedien. Damit \u00e4ndern sich auch die Kriterien, um die Qualit\u00e4t einzusch\u00e4tzen. Bei Wikipedia sind weniger die umstrittenen Themen heikel, wie man das bei Zeitungen oder B\u00fcchern erwarten w\u00fcrde, sondern vielmehr die Nischenthemen. Artikel zu Nischenthemen sind in der Wikipedia zuweilen hervorragend, aktuell und umfassend, zuweilen aber veraltet, einseitig oder l\u00fcckenhaft. Die qualitative Unsicherheit ist deutlich gr\u00f6sser als bei prominenten Themen, die von vielen Freiwilligen beobachtet und von vielen Leserinnen und Lesern rezipiert werden. Andere Faktoren zur Qualit\u00e4tsbeurteilung in der Wikipedia sind die Anzahl der beteiligten Autorinnen und Autoren, die internen Auszeichnungen und der Umgang mit Quellen, der sich etwa in der Anzahl Quellenangaben \u00e4ussert.<br \/>Die P\u00e4dagogische Hochschule Bern hat speziell f\u00fcr Schulen den Online-Dienst Wikibu<br \/>(<a href=\"http:\/\/www.wikibu.ch\/\">www.wikibu.ch<\/a>) entwickelt. Dieser wertet Wikipedia-Artikel nach statistischen Kriterien wie der Anzahl der beteiligten Autoren oder der Anzahl Aufrufe aus. Damit kann er Hinweise zur Verl\u00e4sslichkeit des Inhaltes eines Artikels geben. Doch Wikibu ist vor allem als didaktischer Dienst gedacht, mit dem die Funktionsweise der Wikipedia anschaulich erkl\u00e4rt werden kann. Zu diesem Zweck bietet Wikibu verschiedene Unterrichtsszenarien an.<\/p>\n<p><b>Vielf\u00e4ltige Nutzungsm\u00f6glichkeiten<\/b><br \/>Die Wikipedia geh\u00f6rt heute zu den zehn h\u00e4ufigst aufgerufenen Websites weltweit. Die meist konzisen, kostenlos abrufbaren Zusammenfassungen eines Themas decken das Bed\u00fcrfnis vieler Informationssuchenden offenbar gut.<br \/>Zwar versteht sich die Wikipedia als Online-Enzyklop\u00e4die, doch im Gegensatz zu allgemeinen Print-Enzyklop\u00e4dien nennt sie Quellen und weiterf\u00fchrende Websites und Literatur. Damit wird sie zu einer Suchmaschine: Die Suchenden geben ein Stichwort ein und erhalten eine Linkliste, genau wie bei anderen Suchmaschinen auch. Zus\u00e4tzlich bietet die Wikipedia eine Zusammenfassung des Themas. Im Unterschied zu herk\u00f6mmlichen Suchmaschinen werden die Links nicht von einem Computerprogramm zusammengestellt, sondern von Menschen, die sich gegenseitig kontrollieren und allf\u00e4llige Werbeeintr\u00e4ge unverz\u00fcglich entfernen. Die Menschen hinter der Wikipedia k\u00f6nnen auch mehrdeutige Begriffe besser auseinanderhalten als eine Computer-Software. St\u00f6sst eine algorithmische Suchmaschine etwa auf den Begriff \u201cSpringer\u201d, ist es f\u00fcr sie nicht einfach zu bestimmen, ob damit die Schachfigur, der Teppich oder der Leichtathlet gemeint ist. In der Wikipedia hingegen finden wir im Artikel \u00fcber die Schachfigur keine Links \u00fcber den Teppich.<br \/>Gibt es zu einem Thema Eintr\u00e4ge in anderen Sprachversionen der Wikipedia, so sind diese in der Seitennavigation verlinkt. In jeder Sprachversion verfassen die dort aktiven ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren den Artikel zu einem Thema eigenst\u00e4ndig, deshalb sind die anderssprachigen Artikel oft nicht einfach \u00dcbersetzungen. Die Wikipedia-Autoren sind angehalten, ein Thema m\u00f6glichst objektiv zu beschreiben. Wie alle Menschen sind sie aber kulturell gepr\u00e4gt. Das ergibt spannende Nutzungsm\u00f6glichkeiten: Wie sieht der englischsprachige Artikel \u00fcber das Schweizer Bankgeheimnis aus? Wie beschreiben italienischsprachige Autoren Silvio Berlusconi? Oder wie sehen Japaner die Schweiz? Dank automatischen \u00dcbersetzungsprogrammen wie \u201cGoogle \u00dcbersetzer\u201d k\u00f6nnen wir uns heute auch Artikel in nicht gel\u00e4ufigen Sprachen zumindest grob erschliessen. Ebenfalls hilfreich kann die Wikipedia f\u00fcr \u00dcbersetzungen von mehrdeutigen Begriffen sein oder von Fachausdr\u00fccken, die in<br \/>W\u00f6rterb\u00fcchern nicht auftauchen.<\/p>\n<p><b>Faktenwissen verliert an Bedeutung<\/b><br \/>Die Wikipedia hat in der letzten Dekade starken Einfluss auf die Verlagsbranche genommen. Sie hat Faktenwissen beinahe unverk\u00e4uflich gemacht. Die allgemeinen Enzyklop\u00e4dien, von Brockhaus, \u00fcber Meyers bis hin zur Microsoft Encarta, sind in Schwierigkeiten geraten. K\u00fcrzlich hat die renommierte Encyclop\u00e6dia Britannica bekanntgegeben, dass sie keine Print-Ausgabe mehr herstellen werde. Kommerzielle Enzyklop\u00e4dien k\u00f6nnen mit den Tausenden unentgeltlich arbeitenden Wikipedia-Autoren nicht mithalten, weder finanziell, noch betreffend Aktualit\u00e4t oder Umfang.<br \/>Doch auch auf die Bildung nimmt die Wikipedia Einfluss. In oberen Schulstufen und dem Studium mehren sich die Plagiate. Sch\u00fclerinnen und Studierende ein Thema zusammenfassen lassen funktioniert nur noch f\u00fcr sehr spezielle Themenbereiche. Die Wikipedia und andere Websites, gemeinsam mit internetf\u00e4higen Smartphones und anderen digitalen Endger\u00e4ten, machen allgemeines Faktenwissen jederzeit und \u00fcberall verf\u00fcgbar. Genauso wie mit dem Taschenrechner einfache Additionen oder Multiplikationen vorausgesetzt werden k\u00f6nnen und stattdessen schwierigere problembasierte Aufgaben gestellt werden, kann mit der Wikipedia Faktenwissen vorausgesetzt und es k\u00f6nnen Aufgaben gestellt werden, die darauf aufbauen. So schreiben die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler heute vielleicht eine fiktive Geschichte \u00fcber einen Schweizer, der an Napoleons Russlandfeldzug teilgenommen hat, statt eine Zusammenfassung des Russlandfeldzuges selbst, die sich einfach aus der Wikipedia kopieren liesse.<br \/>Die Wikipedia &#8211; gemeinsam mit anderen Informationsplattformen &#8211; greift aber auch zentrale Elemente unseres Schulsystemes an. Das Schulsystem war fr\u00fcher darauf ausgerichtet, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sich normiert Wissen auf Vorrat aneignen, damit sie bei Bedarf darauf zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Das ist heute l\u00e4ngst nicht mehr so wichtig wie noch vor 50 Jahren &#8211; Informationen stehen ja jederzeit zur Verf\u00fcgung. Wichtiger geworden sind stattdessen F\u00e4higkeiten, um das Internet kompetent zu nutzen und um sich die gerade ben\u00f6tigten Informationen jederzeit effizient zu besorgen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe des Basler Schulblattes (Ausgabe Nr. 6-7, Juni\/Juli 2012) erschien ein kurzer Beitrag von mir zum Einfluss der Wikipedia auf die Schule. Der Beitrag kann auf der Website des Basler Schulblattes als Flash-Version gelesen werden (S. 4-5). 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