{"id":1502,"date":"2015-10-19T14:54:11","date_gmt":"2015-10-19T13:54:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/?p=1502"},"modified":"2017-06-08T09:55:18","modified_gmt":"2017-06-08T08:55:18","slug":"buchbesprechung-free-to-learn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1502","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Free to Learn"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1505\" src=\"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/wp-content\/uploads\/gray_free_to_learn.jpg\" alt=\"gray_free_to_learn\" width=\"230\" height=\"346\">Selten habe ich zu einem Buch so viel notiert wie j\u00fcngst zum Buch des Psychologen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Gray_(psychologist)\">Peter Gray<\/a> <em>&#8220;Free to Learn. Why Unleashing the Instinct to Play Will Make Our Children Happier, More Self-Reliant, and Better Students for Life&#8221;<\/em>. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde: Der Inhalt des Buches liegt sch\u00f6n auf der Schnittmenge&nbsp;meiner Interessens- und Arbeitsbereiche (Spielen und Lernen, Unschooling, Auswirkungen von Computer und Internet auf die Schule) und er hinterl\u00e4sst einen fundierten und belastbaren Eindruck.<\/p>\n<p>Gray steigt mit einer pers\u00f6nlichen Geschichte ein: Sein Sohn weigerte sich, weiterhin zur Schule zu gehen. Dies d\u00fcrfte f\u00fcr Gray der Ausl\u00f6ser gewesen sein, sich intensiver mit dem Lernen und dem Bildungswesen zu besch\u00e4ftigen, wobei ihm sein Hintergrund als Psychologe zugute kam. Hier die Zusammenfassung seines Fazits, das gut bequellt ist:<\/p>\n<p>Kinder sind biologisch so eingerichtet, dass sie Verantwortung \u00fcber ihre eigene Bildung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.&nbsp;Sie bringen&nbsp;drei Instinkte zum autonomen Lernen mit: Neugier, Verspieltheit, Geselligkeit. Dank Neugier entdecken sie&nbsp;neues, dank Verspieltheit \u00fcben sie&nbsp;damit (nach Karl Groos: Spielen = \u00dcben), dank Geselligkeit teilen sie ihre&nbsp;Entdeckungen und Erkenntnisse mit anderen und lernen voneinander.&nbsp;Sie ben\u00f6tigen nur die Freiheit, ihren Interessen in einem sicheren Umfeld nachzugehen. Zus\u00e4tzlich gewinnen sie so Selbstvertrauen, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Wichtig dabei ist f\u00fcr Gray vor allem&nbsp;das Lernen durch freies Spielen. Unter freiem Spielen versteht Gray das von Erwachsenen nicht beaufsichtigte und nicht kontrollierte Spielen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Free play is nature&#8217;s means of teaching children that they are not helpless. [&#8230;]&nbsp;Free play is also nature&#8217;s means of helping children discover what they love.&#8221; <em>(S. 17\/18)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h1>&nbsp;<\/h1>\n<h1>Es wird immer weniger frei gespielt<\/h1>\n<p>Die&nbsp;Zeit f\u00fcr freies Spielen nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts zuerst zu, da es immer weniger Bedarf an Kinderarbeit gab. Seit&nbsp;Mitte des 20. Jh. nahm allerdings stark&nbsp;ab.&nbsp;Gray geht der Frage nach, ob Video-Spiele verantwortlich sein k\u00f6nnten daf\u00fcr, dass Kinder immer weniger draussen spielen. Er&nbsp;bezweifelt dies. Erhebungen unter Kinder, die sowohl draussen als auch mit Video-Spielen frei spielen k\u00f6nnen, zeigen, dass sie die Balance halten zwischen den beiden Spielarten. Jene, die \u00fcberm\u00e4ssig Video-Spiele spielen, sind \u00fcblicherweise jene, die keine befriedigende Alternative haben. Laut Umfragen verdr\u00e4ngt das Video-Spielen nicht das Spielen drau\u00dfen sondern vielmehr das Fernsehschauen. Eine Studie aus den Niederlanden zeigt sogar, dass Kinder mit einem Computer oder einem TV-Ger\u00e4t im eigenen Zimmer mehr draussen spielten, als Kinder, die weder das eine noch das andere&nbsp;im eigenen Zimmer haben. Gray vermutet viel eher die steigende \u00dcberwachung der Kinder durch Erwachsene als Grund f\u00fcr das Abnehmen des freien Spiels draussen. Im virtuellen Raum k\u00f6nnen die Kinder sich meist unbeobachtet und un\u00fcberwacht bewegen, also weichen sie vermehrt dorthin aus, so die Vermutung von Gray. Umfragen geben Hinweise in diese Richtung: Auf die Frage, was sie an Video-Spielen m\u00f6gen, dominieren Antworten wie Freiheit, Selbstbestimmung und Kompetenz.<\/p>\n<p>Vielmehr geht Gray davon aus, dass Kinder weniger frei spielen, weil&nbsp;Erwachsene immer mehr Kontrolle \u00fcber die Kinder \u00fcbernehmen. Kinder wachsen zu Hause immer beh\u00fcteter auf und &nbsp;verbringen aufgrund der fr\u00fcheren Einschulung und der gestiegenen Anzahl Unterrichtsstunden mehr Zeit im ebenfalls kontrollierten Umfeld Schule.&nbsp;Konkret verbrachten&nbsp;1997 Kinder im Alter von 6-8 Jahren 18% l\u00e4nger in der Schule als 1981, 145% mehr beim Hausaufgaben machen, 168% mehr beim Einkaufen mit den Eltern, 55% weniger im Gespr\u00e4ch mit anderen zu Hause, 19% weniger beim Fernsehschauen und 25% weniger beim Spielen drinnen und draussen (1981 waren Computerspiele noch kein Thema). Von&nbsp;1997 bis&nbsp;2003 setzte sich der Trend fort, die Kinder verwendeten&nbsp;32% mehr f\u00fcr Zeit f\u00fcr Hausaufgaben und 7% weniger f\u00fcrs Spielen. Grays Fazit:&nbsp;Freies Spielen ist kaum mehr m\u00f6glich. Stattdessen bestimmt die Schule immer mehr,&nbsp;was f\u00fcr die Kinder wichtig ist&nbsp;und diese&nbsp;lernen m\u00fcssen. Dies wird benotet. Alle anderen Aktivit\u00e4ten der Kinder werden implizit herabgew\u00fcrdigt.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Free play doesn&#8217;t count because it&#8217;s just play; there&#8217;s no place for it on a college application.&#8221; <em>(S. 10)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gray zitiert mehrere Studien, die Aussagen zum Wohlbefinden von Kindern machen, u.a. eine, die nach dem <em>Minnesota Multiphasic Personality Inventory<\/em> durchgef\u00fchrt wurde und die Ergebnisse von 1948 und 1989 miteinander verglich. Gray (S. 15) selektierte&nbsp;einige Punkte, bei denen sich die Prozentwerte der Antworten der befragten&nbsp;14-16-J\u00e4hrigen am st\u00e4rksten verschoben:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1506\" src=\"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/wp-content\/uploads\/gray_statistik.png\" alt=\"gray_statistik\" width=\"394\" height=\"142\"><\/p>\n<h1>Lernen in anderen Kulturen und Entstehung des obligatorischen Schulsystems<\/h1>\n<p>Als n\u00e4chstes f\u00fchrt Gray seine Leserinnen und Leser zur\u00fcck in fr\u00fchere Gesellschaften und die j\u00fcngere Geschichte Eruopas und Nordamerikas und beschreibt, wie dort gelernt resp. wie sich das heute \u00fcbliche obligatorische&nbsp;Schulsystem entwickelt hat. Die&nbsp;J\u00e4ger und Sammler unterschieden noch nicht zwischen Spielen und Arbeiten. Vor allem die Jagd und das Sammeln sind spielerische T\u00e4tigkeiten und so lange kein Mangel an Wild, Beeren und Wurzeln bestand, also kein Erfolgsdruck, wird der spielerische Charakter nicht unterminiert.<\/p>\n<p>Mit der Agrikultur wuchs das Interesse, sich die Belohnung f\u00fcr die Arbeit &#8211; in diesem Fall die Ernte &#8211;&nbsp;nicht von anderen holen zu lassen. Die Gesellschaft wurde egoistischer, die Bedeutung des Privateigentums stieg. Ausserdem gab es neu arm und reich: Je mehr Land man bearbeiten konnte, desto reicher wurde man. Wer kein Land besass, wurde abh\u00e4ngig von den Landbesitzern und die Landbesitzer wiederum von&nbsp;&#8220;Zulieferdiensten f\u00fcr die Agrikultur&#8221; (Finanzwesen, Handel, Handwerker).<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;[&#8230;]&nbsp;agriculture fostered values that were negatives among hunter-gatheres: toil, child labor, private ownership, greed, status, and competition.&#8221;&nbsp;<em>(S. 46)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Aus den &#8220;Zulieferdiensten&#8221;&nbsp;entstanden mit der Industrialisierung Fabriken mit noch deutlicheren Hierarchien.<\/p>\n<p>Protestanten errichteten 1642 in Massachusetts die erste Schulen. Das Ziel war das religi\u00f6se&nbsp;Indoktrinieren, das Mittel Auswendiglernen. Spielen war nicht erlaubt in diesen Schulen, da man davon ausging, dass Menschen, die als Kinder spielten auch als Erwachsene spielen w\u00fcrden, was nicht in das Weltbild der Protestanten passte.&nbsp;Pr\u00fcgelstrafen waren an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4ten 17. Jahrhundert gr\u00fcndete August Hermann Francke in Preussen die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franckesche_Stiftungen\">Franckesche Stiftungen<\/a>, aus denen ein&nbsp;dreigliedriges Schulsystem mit standardisiertem Curriculum (v.a. religi\u00f6ser Katechismus) und Lektionen hervorging, das dem heutigen&nbsp;gleicht. Damaliges Ziel des Protestanten war es, den&nbsp;Willen der B\u00fcrger zu brechen, da es in jener Zeit oft zu sozialen Unruhen und Aufst\u00e4nden kam. Gray zitiert Francke:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;The formation of the child&#8217;s character involves the will as well as the understanding&#8230; Above all, it is necessary to break the natural will-fullness of the child. While the schoolmaster who seeks to make the child more learned is to be commended for cultivating the child&#8217;s understanding, he has not done enough. He has forgotten his most important task, namely that of making the will obedient.&#8221; <em>(S. 59)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Grund\u00fcberzeugung von Francke war, dass die Kinder unf\u00e4hig sind, vern\u00fcnftige Entscheide zu treffen. Diese \u00dcberzeugung ist bis heute ein zentraler Grundpfeiler unseres Schulsystems.<\/p>\n<p>Ende des 18. Jahrhunderts begann der&nbsp;Staat die Macht \u00fcber die kirchlichen Schulen zu \u00fcbernehmen. Das Ziel des Staates war nicht die Alphabetisierung der Bev\u00f6lkerung. Zu dieser Zeit waren bereits rund drei Viertel der Bev\u00f6lkerung in Europa und Nordamerika Alphabeten [die <a href=\"http:\/\/www.stapferenquete.ch\/\">Stapfer-Enquete<\/a> gibt f\u00fcr die Schweiz sehr \u00e4hnliche Hinweise &#8211; Anmerkung NS]. Ziel war vielmehr, Einfluss darauf zu nehmen, was die Menschen lernten.&nbsp;In Preussen sollte die Bev\u00f6lkerung diszipliniert werden. Dazu wurden in allen Ortschaften, in denen es noch keine Schule gab, welche errichtet. Der Nationalismus stellte den Hauptinhalt der Bildung in Preussen&nbsp;dar. Die deutsche Sprache wurde als perfekt beschrieben, die deutsche Literatur als beste, alle angrenzenden L\u00e4nder als Feinde,&nbsp;usw.&nbsp;In Frankreich betrachtete Napoleon die Schule als ersten Schritt der Milit\u00e4rausbildung.&nbsp;England verf\u00fcgte \u00fcber eine fortgeschrittene Industrialisierung mit hohem Anteil an Kinderarbeit. Deshalb war die Regierung wenig interessiert an obligatorischen Schulen. Erst 1870 kam eine Allianz zustande von jenen Politikern, die die Kinder aus den Fabriken herausbekommen&nbsp;wollten, um so den Armuts-Kreislauf zu beenden und jenen, die die Beschulung als M\u00f6glichkeit sahen, die Bev\u00f6lkerung besser kontrollieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele Kinder gehen nicht gerne zur Schule, da dies f\u00fcr sie ein Zwang ist, da sie&nbsp;dort tun m\u00fcssen, was andere ihnen sagen und bestraft werden, wenn sie etwas anderes tun oder wenn sie nicht die erwartete Leistung bringen. Gray dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;It is against the law in this and other democratic countries to force someone to work at a job where the person doesn&#8217;t want to work, or to marry someone he or she&nbsp;doesn&#8217;t want to marry. In contrast, it is against the law to <em>not<\/em> force a child to go to school if you are the parent and the child doesn&#8217;t want to go.&#8221;&nbsp;<em>(S. 68)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Letzter Punkt klingt nach einem Widerspruch dazu, dass Gray seinen eigenen Sohn zur Schule rausgenommen hat. Gray dazu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;It is true that some parents have the wherewithal to find alternative schooling or provide homeschooling that is acceptable to both the child and the state, but that is not the norm in today&#8217;s society.&#8221;&nbsp;<em>(S. 68)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Grays Schulkritik gipfelt in sieben S\u00fcnden, deren er die obligatorische Schule bezichtigt:<\/p>\n<ol>\n<li>Freiheitsverweigerung ohne triftigen Grund und ohne faires Verfahren<\/li>\n<li>Eingriff in die&nbsp;Entwicklung von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung.<\/li>\n<li>Untergrabung der intrinsischen Motivation zu lernen (Lernen wird zu Arbeit)<\/li>\n<li>Beurteilung von&nbsp;Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in einer Weise, die Scham, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Zynismus und Betrug f\u00f6rdert.<\/li>\n<li>Eingriff in die Entwicklung von Zusammenarbeit und F\u00f6rderung von Mobbing.<\/li>\n<li>Hemmung des kritischen Denkens.<\/li>\n<li>Reduzierung der Vielfalt an&nbsp;F\u00e4higkeiten und Kenntnissen.<\/li>\n<\/ol>\n<blockquote><p>&#8220;In fifty years, I predict, educators will see today&#8217;s approach to schooling as a barbaric relic of the past.&#8221;&nbsp;<em>(S. 88)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h1>&nbsp;<\/h1>\n<h1>Freies Lernen<\/h1>\n<p>Als Folge obiger \u00dcberlegungen besuchte Grays Sohn fortan die demokratische Schule&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.sudval.org\/\">Sudbury Valley School<\/a> (das Original &#8211; nach dem Vorbild der SVS entstanden in ganz Nordamerika und Europa demokratische Schule, auch in Deutschland und der Schweiz). Bei Sudbury-Schulen&nbsp;gibt es kein Curriculum, keine Pr\u00fcfungen, keine Bewertungen. Sch\u00fcler und Sch\u00fcler tun, wozu sie Lust haben. Einzig f\u00fcr die Benutzung von potenziell &#8220;gef\u00e4hrlichem&#8221; Equipment (Computer, K\u00fcchenger\u00e4te, Holzbearbeitungswerkzeuge, etc.) muss zuerst ein &#8220;Zertifikat&#8221; erworben werden, das best\u00e4tigt, dass dieses Kind sachgerecht mit diesem Equipment umgehen kann.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/LnIl0Bigrw0\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Gray sieht \u00c4hnlichkeiten zwischen dem Lernen in der Sudbury Valley School und dem Lernen in J\u00e4ger- und Sammler-Kulturen. In beiden Gemeinschaften gab es viel Zeit um zu spielen und entdecken. Die Kinder sind&nbsp;altersm\u00e4ssig frei durchmischt.&nbsp;Kinder haben Zugang zu erfahrenen und f\u00fcrsorglichen Erwachsenen und&nbsp;Zugang zu Equipment. Ideen k\u00f6nnen frei ausgetauscht werden. Es gibt kein Mobbing (\u00e4ltere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler&nbsp;w\u00fcrden einspringen, resp. die Pr\u00e4senz der j\u00fcngeren verhindert, dass \u00e4ltere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mobben).<\/p>\n<p>Gray f\u00fchrte eine Befragung unter unter 76 Sudbury-Abg\u00e4ngern durch, die er im <em>American Journal of Education<\/em> publizierte.&nbsp;75% derjenigen befragten Abg\u00e4nger, die anschliessend eine h\u00f6here Ausbildung begannen, hatten keinerlei Probleme beim Wechsel. Die \u00fcbrigen mussten teilweise einigen Stoff nachholen, das war f\u00fcr sie aber kein Problem.&nbsp;Niemand hatte M\u00fche sich in das formale System der h\u00f6heren Schule einzugliedern.&nbsp;82% der Befragten waren der Meinung, dass der Besuch der Sudbury-Schule sie bevorteilt hat f\u00fcr ihre weitere Ausbildung und ihre Karriere. Sie nannten mehrere Vorteile:&nbsp;Sie seien selbstbestimmter und verantwortungsvoller; sie seien motivierter f\u00fcr ihre selbstgew\u00e4hlte Karriere, sie lernten lieber; sie h\u00e4tten besonders tiefgehende F\u00e4higkeiten in den Gebieten, die sie interessieren und die sie in ihrer Karriere weiterverfolgen; sie h\u00e4tten keine Angst vor Autorit\u00e4ts-Personen.&nbsp;Keiner der Befragten war der Meinung, dass ihr Leben besser w\u00e4re, wenn sie eine traditionelle Schule besucht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Grays Sohn wollte mit 13 alleine nach London, obwohl er noch nie weiter weg war. Nach langem \u00dcberlegen liessen ihn die Eltern gehen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;To be a trustful parent is not to be a negligent parent &#8211; you have to know your child. But responsibility does not grow in a vacuum. If you want responsible kids, you have to allow them the freedom to be responsible [&#8230;]&#8221; (<em>S. 207-208)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h1>Freies Spielen<\/h1>\n<p>Ein spielerisches Umfeld ist essenziell f\u00fcr Lernen. Gray untermauert diese Behauptung mit verschiedenen empirischen Erhebungen.<\/p>\n<ol>\n<li>Druck zu einer guter Leistung beeintr\u00e4chtigt das Lernen: Wird jemand beim Handeln beobachtet oder bewertet, steigt die Leistung bei Experten (bei jenen, die es beherrschen), bei Anf\u00e4ngern (beim \u00dcben) sinkt sie.<\/li>\n<li>Druck, kreativ zu sein, hemmt die Kreativit\u00e4t: Wenn eine Aufgabe, die bewertet oder kritisch beobachtet wird, kreative F\u00e4higkeiten verlangt, hemmt das Beobachten die Leistung fast immer. Hingegen werden kreative Projekte besser bewertet, wenn die Teilnehmenden nicht wissen, dass die Arbeit bewertet wird, wenn sie also nur zum Spass am Projekt arbeiten, wenn sie also &#8220;nur&#8221; spielen.<\/li>\n<li>Eine spielerische Stimmung verbessert die Kreativit\u00e4t und das Probleml\u00f6sen. Wer vor einer Aufgabe, die Kreativit\u00e4t erfordert, in eine spielerische, lockere Stimmung versetzt wird, z.B. indem sie vorher spielt oder einen lustigen Kurzfilm schaut, erzeugt kreativere Produkte oder kommt \u00f6fters zu kreativen L\u00f6sungen, als wenn sie vorg\u00e4ngig eine ernste T\u00e4tigkeit ausf\u00fchren.<\/li>\n<li>J\u00fcngere Kinder k\u00f6nnen in einem spielerischen Umfeld logische Probleme l\u00f6sen, in einem ernsten Umfeld nicht: Laut Piaget und anderen Forschern sind Kinder bis 10-11 Jahren nicht in der Lage, Syllogismen wie <em>&#8220;All cats bark. Muffins is a cat. Does Muffins bark.&#8221;<\/em> zu l\u00f6sen. In einem spielerischen Kontext schaffen es aber viele (in obigem Beispiel, wenn sie sich in einer fiktiven Welt w\u00e4hnen, wo Katzen bellen).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Gray betont immer wieder die zentrale Bedeutung des freien Kinderspiels, das nicht durch Erwachsene kontrolliert wird und weist auf das grosse Lernpotenzial des freien Spiels hin. Spiele spielt man um des Spielens willens, dh. Spiele werden intrinsisch motiviert gespielt. Um das Spiel weiterspielen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen alle beteiligten zufrieden gehalten werden: Alle spielen freiwillig und k\u00f6nnen jederzeit aufh\u00f6ren. Bei vielen Spielen ist man aber aufeinander angewiesen und ist also interessiert, dass niemand den Spass am Spiel verliert und aufh\u00f6rt. Wenn Kinder unter sich spielen, erfahren sie, dass die Regeln dazu da sind, um mehr Spass zu haben. Dazu k\u00f6nnen sie je nach Gegebenheiten die Regeln anpassen. Wenn Erwachsene die Regeln vorgeben, lernen sie, dass die Regeln von aussen vorgegeben werden und nicht in Frage gestellt werden k\u00f6nnen. Zur Demokratie-Bildung ist das selbstorganisierte Spiel deshalb sehr wertvoll. Konflikte werden durch Argumente, Verhandlung und Kompromisse beigelegt.&nbsp;In einem freien&nbsp;Spiel wissen die Spieler ausserdem, dass (allf\u00e4llige) Teams zuf\u00e4llig zustande gekommen sind und die Einteilung nur f\u00fcr das Spiel von Bedeutung ist. Und sie erfahren, dass die Freude am Spiel wichtiger ist als das Siegen.<\/p>\n<p>Mit der sinkenden Aus\u00fcbung vom freien Spiel seit etwa 1955 stieg der Narzissmus und sank Empathie (empirische Daten dazu werden seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren erhoben) &#8211; wobei nat\u00fcrlich der Zusammenhang nicht gegeben sein muss. Es gibt&nbsp;aber Untersuche mit Ratten und Affen, die isoliert wurden und getrennt von anderen aufwuchsen und mit niemandem spielen konnten. Diese zeigten im Erwachsenenalter abnormales Verhalten resp. abnormale Hirnentwicklungen. Grays Kommentar:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;It may seem cruel to raise young monkeys, and even young rats, in conditions where they cannot play freely with peers, for the sake of science. But if that is cruel, then what can we say about our current &#8220;normal&#8221; practice of depriving human children of free play with other children for the sake of protecting and education them?&#8221; <em>(S. 176)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gray betont mehrere Faktoren des freien Spiels, die f\u00fcr das Lernen entscheidend sind. Zuerst einmal altersdurchmischte Gruppen:&nbsp;\u00c4ltere Kinder lernen bei gemeinsamen Aktivit\u00e4ten mit j\u00fcngeren, sich um die j\u00fcngeren zu k\u00fcmmern und sie zu f\u00fchren.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;From a historical perspective, and certainly from an evolutionary perspective, the segregation of children by age is an oddity &#8211; i would say a tragic oddity &#8211; of modern times.&#8221; (<em>S. 182)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Beobachten und Nachmachen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;[&#8230;] a number of [&#8230;]&nbsp;anthropologists have suggested that Western schools &#8211; by indoctrinating students with the idea that learning occurs through top-down verbal instruction from a teacher and that copying others is cheating &#8211; may be teaching children not to learn through observation.&#8221; <em>(S. 194)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Lernen durch Lehren: Meist \u00e4ltere Kinder erkl\u00e4ren etwas meist j\u00fcngeren. Typischerweise stellen die j\u00fcngeren Kinder dann Folgefragen und die \u00e4lteren Kinder vertiefen ihre Gedanken und schleifen ihre Argumente und&nbsp;lernen so \u00fcber die Fragen der j\u00fcngeren Kinder.<\/p>\n<h1>Grays Vision eines k\u00fcnftigen Bildungssystems<\/h1>\n<p>Die Sudbury Valley School als demokratische Schule ist nicht die einzige M\u00f6glichkeit, Kinder im Geiste des freien Spiels reifen zu lassen.&nbsp;Als Alternative&nbsp;sieht Gray auch&nbsp;<em>Homeschooling, <\/em>was in den USA im Trend liegt. 1999 gab es dort&nbsp;850&#8217;000 Homeschooling-Kinder (1.7% von allen Kinder im Schulalter), 2011 gesch\u00e4tzte 2 Millionen (4%). Viele Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, sind religi\u00f6s motiviert, andere sind stark kontrollierend, und wiederum andere halten die Freiheit der Kinder m\u00f6glichst hoch.&nbsp;Letztere &nbsp;betreiben eher Unschooling als Homeschooling, dh. sie beschulen ihre Kinder nicht, sondern lassen sie &#8211; je nach nach Auspr\u00e4gung mehr oder weniger &#8211; selbst entscheiden, was sie den ganzen Tag tun wollen.<\/p>\n<p>Abschliessend formuliert Gray seine pers\u00f6nliche Vision eines k\u00fcnftigen Bildungssystems:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Imagine a center in your community where kids &#8211; and adults, too &#8211; could come to play, explore, make new friends, and learn. Computers, art supplies, athletic equipment, and science equipment would be available to play with. The public library might partner with it. Local people would offer classes &#8211; in music, art, athletics, math, foreign languages, cooking, business management, checkbook balancing, or anything else that people deemed fun, interesting, or important enough to study or practice in a structured way. There would be no requirements, no grades, no ranking or comparisons between people. local theater and music groups could put on productions there, and people of all ages could form new groups depending on their interests. There would be a gymnasium for indoor play and, if possible, fields and woods for outdoor play and exploration. Children would come to the center, not because they have to, but because that is where their friends are and where there are so many exciting things to do. For parents who need child care during the day so they can work, the center might provide that, too, in an efficient way that capitalizes on the joy and benefit that older kids get out of helping to care for younger ones.&#8221; S. 234<\/p><\/blockquote>\n<p>Insgesamt liest sich Grays Buch nicht reisserisch, sondern n\u00fcchtern. Grays Argumentation basiert auf seiner pers\u00f6nlichen Erfahrung mit der \u00f6ffentlichen und der Sudbury-Valley-Schule &#8211; dies ist durchaus sp\u00fcrbar. Aber wo andere B\u00fccher zu \u00e4hnlichen Themen bei Behauptungen und Meinungen aufh\u00f6ren, pr\u00e4sentiert Gray empirische Daten. Die Schulkritik geschieht aus ungewohnter Perspektive.<\/p>\n<p>Gray betreibt bei <em>Psychology Today<\/em> einen <a href=\"https:\/\/www.psychologytoday.com\/blog\/freedom-learn\">Blog<\/a> zum Thema des Buches.<\/p>\n<p>Die genannten Seitenangaben beziehen sich auf die Hardcover-Ausgabe, 2013 erschienen bei Basic Books, New York.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten habe ich zu einem Buch so viel notiert wie j\u00fcngst zum Buch des Psychologen Peter Gray &#8220;Free to Learn. Why Unleashing the Instinct to Play Will Make Our Children Happier, More Self-Reliant, and Better Students for Life&#8221;. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde: Der Inhalt des Buches liegt sch\u00f6n auf der Schnittmenge&nbsp;meiner Interessens- und Arbeitsbereiche&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1502\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Buchbesprechung: Free to Learn<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1502"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1751,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502\/revisions\/1751"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}