{"id":1420,"date":"2015-04-15T12:51:55","date_gmt":"2015-04-15T11:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/?p=1420"},"modified":"2015-04-15T12:51:55","modified_gmt":"2015-04-15T11:51:55","slug":"von-der-informationskompetenz-zur-kulturzugangskompetenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1420","title":{"rendered":"Von der Informationskompetenz zur Kulturzugangskompetenz"},"content":{"rendered":"<p><em>In der aktuellen Ausgabe (2015, Volume 49, Issue 5) der Zeitschrift\u00a0<\/em>Bibliotheksdienst<em> erschien <a href=\"http:\/\/www.degruyter.com\/view\/j\/bd.2015.49.issue-5\/bd-2015-0061\/bd-2015-0061.xml?format=INT\">ein Beitrag<\/a> von mir mit dem Titel &#8220;Von der Informationskompetenz zur Kulturzugangskompetenz&#8221;. Gerne gebe ich hier den Text wieder, der sich in Einzelheiten vom Beitrag in <\/em>Bibliotheksdienst<em>\u00a0unterscheiden kann. Der Bibliotheksdienst-Beitrag\u00a0steht unter CC BY-NC-ND 3.0, dieser Text hier wie gewohnt unter <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\">CC BY-SA 3.0<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>19. Jahrhundert. Die alte monarchisch und agrarisch gepr\u00e4gte Welt wird durch die Industrialisierung und den modernen Buchdruck umgekrempelt. Monarchien verschwinden, Demokratien entstehen. Informationen werden massenhaft verbreitet, als Flugbl\u00e4tter, Zeitungen, B\u00fccher. Immer mehr \u00f6ffentliche Bibliotheken versorgen Interessierte mit immer mehr Informationen. Schulen erm\u00e4chtigen einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung, die immer heterogeneren Informationen zu lesen, bewerten und verstehen und so an der modernen Kultur teilzuhaben. Wer Lesen und die Informationen einigerma\u00dfen einordnen kann, erfuhr, wenn irgendwo ein Krieg ausgebrochen ist, konnte sich \u00fcber die politischen Str\u00f6mungen ein Bild machen, Vertreter in die Regierung w\u00e4hlen und sich abends vielleicht sogar in ein belletristisches Buch vertiefen.<\/p>\n<p>21. Jahrhundert. Die alte demokratisch und industriell gepr\u00e4gte Welt wird durch die Computer und Internet ausgel\u00f6ste Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung umgekrempelt. Die Publikation von Informationen ist viel einfacher geworden, das Datenvolumen explodiert f\u00f6rmlich. Die Digitalisierung der allermeisten Daten f\u00fchrt zu einer Konvergenz der Datenspeichermedien wie Papier, Filmrollen oder Negativstreifen. Algorithmen und Programmcodes automatisieren immer mehr Arbeitsprozesse. Das Internet vernetzt beliebige Menschen und Ger\u00e4te miteinander und erm\u00f6glicht Austausch und Zusammenarbeit. Wer ein Kulturzugangsger\u00e4t[1] wie Computer oder Smartphone und die entsprechende Kompetenz hat, kann an der modernen Kultur teilhaben, kann Informationen nicht nur rezipieren, sondern auch in einem Blog, auf Twitter oder \u00fcber WhatsApp publizieren resp. kommunizieren, kann online Testberichte lesen und dann eine schadstofffreie Wickelunterlage von irgendwoher bestellen, kann gemeinsam mit Menschen aus der ganzen Welt an Dokumenten arbeiten oder sich mit Tausenden von Spielbegeisterten Schlachten liefern und kann Ger\u00e4te miteinander verbinden und mit einigen Zeilen Code Prozesse vereinfachen. All dies kann aber nur, wer kompetent genug ist, den Mehrwert von Computern und vom Internet auch auszusch\u00f6pfen. Im umfassenden Sinne d\u00fcrften dies verschwindend wenige sein &#8211; die Anforderungen an einen kompetenten Kulturzugang sind in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen.<\/p>\n<p>Ben\u00f6tigt wird Kompetenz &#8211; wie auch immer wir die benennen. In der Schule des 19. und 20. Jahrhundert stand besonders die Rezeption von Informationen im Vordergrund, um die Menschen zur Teilnahme an der Kultur zu bef\u00e4higen. Lesen f\u00fcr den kompetenten Umgang mit symbolischem Text, Rechnen f\u00fcr den kompetenten Umgang mit Zahlen, Grundlagen in Fachgebieten wie Biologie, Geschichte oder Geografie, um die Zusammenh\u00e4nge des Geschriebenen zu verstehen. Die Schule selbst war nach dem selben Prinzip gestaltet: Der Unterricht war gr\u00f6\u00dftenteils lehrerzentriert, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mehrheitlich Konsumenten. Und &#8211; k\u00f6nnte man unterstellen &#8211; damit bestens vorbereitet auf ihre Rolle als Konsumenten in der industrialisierten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Zum Ende des 20. Jahrhunderts tauchen unter dem Einfluss des Computers neue Kompetenzbegriffe auf: Informationskompetenz, Medienkompetenz, ICT-Kompetenz. Alle bezeichnen sie \u00e4hnliche F\u00e4higkeiten, jeweils mit einem etwas anderen Fokus. Informationskompetenz beschreibt den kompetenten Umgang mit Informationen, fokussiert also auf die Inhalte; Medienkompetenz fokussiert auf die Medien und ICT-Kompetenz beschreibt den kompetenten Umgang mit den Werkzeugen. Im 21. Jahrhundert verschmelzen Massenmedien wie TV, Radio oder Zeitungen mit dem WWW und es zentriert sich somit alles auf den Computer als Werkzeug, Datentr\u00e4ger und Medium. Medienkompetenz, Informationskompetenz und ICT-Kompetenz \u00fcberschneiden sich immer st\u00e4rker und konvergieren zu Begriffen wie Digital Literacy.<\/p>\n<p>Die Kompetenzen konvergieren nicht blo\u00df, sondern \u00e4ndern sich auch radikal. Die Rezeption von Informationen bleibt zwar bestehen, daneben werden aber die Produktion und Kommunikation von Informationen, sowie die breiten M\u00f6glichkeiten der Zusammenarbeit \u00fcber Zeit und Raum hinweg wichtig. Wir m\u00fcssen auf alle F\u00e4lle einen Computer bedienen k\u00f6nnen, Informationen rezipieren, in geeignete Medienformate aufbereiten und \u00fcber geeignete Kan\u00e4le an ein passendes Zielpublikum kommunizieren. Wir sollten also etwa das Server\/Client-Prinzip kennen, Grundprinzipien des Information Retrievals verstehen, in der Lage sein, ein Video zu erstellen und Bescheid wissen \u00fcber Bild- und Pers\u00f6nlichkeitsrechte, aber auch deren Grenzen.<\/p>\n<p>Mit Fokus auf das Ziel der Kompetenzf\u00f6rderung wird das Feld noch weiter. Es geht darum, an der Kultur partizipieren zu k\u00f6nnen. Das umfasst nicht nur eher arbeitsorientierte Elemente wie die Recherche, Zusammenarbeit oder etwa die Bewerbung eines Angebotes sondern auch Elemente der Unterhaltung. Die Kultur verlagert sich vermehrt ins Internet und verlangt nach entsprechenden Kompetenzen, die sich als Kulturzugangskompetenzen bezeichnen lassen. Dies sind etwa F\u00e4higkeiten der Zusammenarbeit mit wildfremden Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen. Oder die F\u00e4higkeit, sich als Knotenpunkt in einem Netzwerk zu positionieren. Oder &#8211; in der hohen Dynamik des 21. Jahrhunderts vielleicht am wichtigsten &#8211; das Verm\u00f6gen, sich selbst permanent weiterzubilden.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen all diese F\u00e4higkeiten gef\u00f6rdert werden? Und durch wen?<\/p>\n<ol>\n<li>Zum einen k\u00f6nnen die Fachexpertinnen und -experten ihren Teil dazu beitragen. Informatikerinnen k\u00f6nnen informatische Grundprinzipien anschaulich erkl\u00e4ren. Die St\u00e4rke der Informations- und Bibliothekswissenschafler liegt bei der Selektion und der Bereitstellung relevanter Informationen. Medienbildnerinnen machen etwa auf soziale und gesellschaftliche Auswirkungen des Medienkonsums aufmerksam oder unterst\u00fctzen bei praktischer Medienarbeit. Ein Mehrwert ergibt sich besonders bei der gegenseitigen Befruchtung und Erg\u00e4nzung.<\/li>\n<li>Das kindliche Lernen ist stark durch Spiele gepr\u00e4gt. Um die Kompetenzen der Nutzung von Computer und Internet zu f\u00f6rdern, k\u00f6nnen entsprechend Videospiele gespielt werden. Bei Massively Multiplayer Online Games (MMOGs) beispielsweise, also beim Zusammenspiel mit Tausenden anderen Spielerinnen und Spielern, k\u00f6nnen nebst Anwendungsfertigkeiten ausgepr\u00e4gt auch soziale Kompetenzen gef\u00f6rdert werden, zum Beispiel eigene Interessen zum Wohle der Gilde zur\u00fcckstellen, andere unterst\u00fctzen aber auch sich auf andere verlassen k\u00f6nnen. Egoistische Eigenbr\u00f6tler haben in vielen solchen Spielen mittel- und l\u00e4ngerfristig keine Chance. Freiraum und Anreize f\u00fcr verschiedenartigste Freizeitaktivit\u00e4ten &#8211; auch mit aktueller Technologie &#8211; sind zentral.<\/li>\n<li>Durch Simulieren von \u00e4hnlichen T\u00e4tigkeiten wie sie in der Arbeitswelt \u00fcblich sind. Aber aufgepasst, die T\u00e4tigkeiten der Arbeitswelt \u00e4ndern sich derzeit im Zuge der Automatisierung stark. Besonders Routinet\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen dem Computer \u00fcberlassen werden und verschwinden zusehends. Beispielsweise die in den Startl\u00f6chern stehenden selbstfahrenden Fahrzeuge d\u00fcrften schon bald Berufe wie Taxifahrer oder Autofahrlehrer bedrohen. \u00d6konomische Trendforscher rechnen stattdessen mit einer Zunahme an Jobs, die kreative Probleml\u00f6sekompetenzen oder soziale Interaktionen verlangen, also T\u00e4tigkeiten, die der Computer so schnell nicht \u00fcbernehmen kann[2][3]. Entsprechend ver\u00e4ndern sich Schulen vermehrt weg vom recht lehrerzentrierten Unterricht, bei dem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler prim\u00e4r zuh\u00f6ren, also konsumieren, hin zu einem sch\u00fclerzentrierten Unterricht, bei dem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler deutlich mehr Verantwortung und Selbstbestimmung \u00fcbertragen bekommen und eigene Projekte umsetzen anstatt einen vorgegeben Lerninhalt bearbeiten. Dieser Umbruch d\u00fcrfte in den n\u00e4chsten Jahrzehnten noch deutlich konsequenter vollzogen werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch Bibliotheken sind von der zunehmenden Automatisierung betroffen. Die Ausleihe d\u00fcrfte angesichts der Daten-Verlagerung ins WWW ganz verschwinden[3]. Die Mitarbeiterin an der Theke d\u00fcrften entsprechend freie Kapazit\u00e4ten f\u00fcr andere Aufgaben haben. Bibliotheken haben aber insgesamt vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, ihre Expertise und ihre Ressourcen in den neuen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts einzubringen und zur F\u00f6rderung der Kulturzugangskompetenz beizutragen. Ihre Expertise betrifft besonders die Rezeption und gerade Unterst\u00fctzung bei der Recherche d\u00fcrfte auch in Zukunft gefragt sein. Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnten Bibliotheken vermehrt Angebote bereitstellen zur Unterst\u00fctzung bei der Produktion von Informationsprodukten, f\u00fcr Kommunikationsprozesse oder zur Zusammenarbeit. Das Bereitstellen von flexiblen Projektarbeitspl\u00e4tzen samt Projekt-Coaching nach Bedarf ist dabei nur eine von vielen Ideen.<\/p>\n<p><em>Danksagung<\/em><br \/>\nWerner Hartmann und Oliver Ott bereicherten diesen Beitrag mit ihren kritischen Anmerkungen. Vielen Dank!<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em><br \/>\n[1]: Der Begriff wurde durch Lisa Rosa gepr\u00e4gt, siehe <a href=\"https:\/\/shiftingschool.wordpress.com\/2014\/10\/21\/kulturzugangsgerat-kleine-abhandlung\/\">https:\/\/shiftingschool.wordpress.com\/2014\/10\/21\/kulturzugangsgerat-kleine-abhandlung\/<\/a>.<br \/>\n[2]: Autor, D. H., Levy, F., &amp; Murnane, R. J. (2003). The skill content of recent technological change: An empirical exploration. The Quarterly Journal of Economics, 118(4), 1279\u20131333.<br \/>\n[3]: Frey, C. B., &amp; Osborne, M. A. (2013). The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation? (No. 17.09.2013) (pp. 1\u201372).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe (2015, Volume 49, Issue 5) der Zeitschrift\u00a0Bibliotheksdienst erschien ein Beitrag von mir mit dem Titel &#8220;Von der Informationskompetenz zur Kulturzugangskompetenz&#8221;. Gerne gebe ich hier den Text wieder, der sich in Einzelheiten vom Beitrag in Bibliotheksdienst\u00a0unterscheiden kann. Der Bibliotheksdienst-Beitrag\u00a0steht unter CC BY-NC-ND 3.0, dieser Text hier wie gewohnt unter CC BY-SA 3.0.&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1420\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Von der Informationskompetenz zur Kulturzugangskompetenz<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1420","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1420","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1420"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1421,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1420\/revisions\/1421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}