{"id":1136,"date":"2014-04-07T15:26:39","date_gmt":"2014-04-07T14:26:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/?p=1136"},"modified":"2014-04-07T15:26:39","modified_gmt":"2014-04-07T14:26:39","slug":"buchrezension-digitale-dividende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1136","title":{"rendered":"Buchrezension: &#8220;Digitale Dividende&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1137 alignright\" alt=\"burow_digitale_dividende\" src=\"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/wp-content\/uploads\/burow_digitale_dividende.jpg\" width=\"216\" height=\"314\" \/>Der Titel &#8220;Digitale Dividende&#8221; des neuesten Buchs von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow erinnert an den bekannten Bestseller &#8220;Digitale Demenz&#8221; des Psychiaters Manfred Spitzer. Und das ist durchaus gewollt (<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/product-reviews\/3426276038\/ref=cm_cr_pr_top_link_next_14?ie=UTF8&amp;pageNumber=14&amp;showViewpoints=0&amp;sortBy=bySubmissionDateDescending\">hier<\/a>&nbsp;\u00fcbrigens Burows Rezension von Spitzers Buch auf Amazon). Burow, Professor f\u00fcr Allgemeine P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Kassel, betont vor allem die Chancen von ICT f\u00fcr das Lernen im 21. Jahrhundert und nicht die Gefahren. Der Untertitel des Buchs &#8220;Ein p\u00e4dagogisches Update f\u00fcr mehr Lernfreude und Kreativit\u00e4t in der Schule&#8221; widerspiegelt eine kritische Haltung Burows dem &#8220;alten&#8221; Schulsystem gegen\u00fcber, die sich durch das Buch zieht.<\/p>\n<p>Burow unterscheidet drei Arten von P\u00e4dagogik:<\/p>\n<ul>\n<li>P\u00e4dagogik 1.0: Darunter versteht Burow &#8220;nat\u00fcrliches Lernen&#8221;, das Lernen aus eigenem Antrieb mit selbstgew\u00e4hltem Lernziel<\/li>\n<li>P\u00e4dagogik 2.0: Lehr\/Lernprozesse in der traditionellen Schule.<\/li>\n<li>P\u00e4dagogik 3.0: K\u00fcnftige Art der Lehr\/Lernprozesse, die aus einer Mischung von P\u00e4dgogik 1.0, P\u00e4dagogik 2.0 und der digitalen Dividende, also neuen M\u00f6glichkeiten durch ICT zusammengesetzt ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>P\u00e4dagogik 1.0<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Burows Vokabular erinnert mit W\u00f6rtern wie Potenzialentfaltung, Lernlust oder F\u00f6rderung der Kreativit\u00e4t stark an Gerald H\u00fcther und Ken Robinson, die er tats\u00e4chlich wiederholt erw\u00e4hnt. Er stimmt mit ihnen \u00fcberein, dass die normierenden Elemente des Schulsystems Kreativit\u00e4t und Lernlust abw\u00fcrgen.<\/p>\n<p>Das Konzept von Simplexity zieht sich quer durch das Buch: Ein komplexes System soll durch einfache einige wenige Kriterien verdichtet und handhabbar gemacht werden. Die schulische Bildung ist ein solches komplexes System. Burow versucht das System mit drei Modellen handhabbar zu machen, die sich wiederum je aus drei Faktoren zusammensetzen:<\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Salutogenese\">Salutogenese<\/a>: Durch Verstehbarkeit, Bedeutsamkeit und Handhabbarkeit soll Stress abgebaut werden und komplexe Situationen bew\u00e4ltigbar machen.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Selbstbestimmungstheorie\">Selbstbestimmungstheorie<\/a>: Gem\u00e4ss dieser Theorie sind Menschen f\u00fcr eine Aufgabe motiviert, wenn sie selbstbestimmt handeln k\u00f6nnen, die Aufgabe ihren Kompetenzen entsprechen und sinnvoll erscheint (vielfach wird eher von sozialer Eingebundenheit gesprochen).<\/li>\n<li>Wertsch\u00e4tzende Schulentwicklung: Burow modifiziert das Verfahren aus Robert Jungks <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zukunftswerkstatt\">Zukunftswerkstatt<\/a>&nbsp;leicht und sieht Wertsch\u00e4tzung, Vision und Realisierung als die drei wesentlichen Phasen, um sich \u00fcber die eigenen St\u00e4rken klar zu werden, gemeinsame Handelsziele zu formulieren und konkrete Umsetzungsmassnahmen zu entwickeln.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nicht ganz klar ist, inwieweit dieses Kapitel tats\u00e4chlich das nat\u00fcrliche Lernen beschreibt und inwieweit es bereits versucht, P\u00e4dagogik 2.0 in P\u00e4dagogik 3.0 zu transformieren. Burow pl\u00e4diert in diesem Kapitel etwa f\u00fcr den Umstieg vom linearen (&#8220;Mehr-desselben-Prinzip&#8221;) zum transformativen Denken. Als Beispiel f\u00fcr lineares Denken nennt er eine \u00fcberlastete Strasse, die durch eine neue Spur erweitert werden soll, die aber bald auch schon \u00fcberlastet ist, usw. Stattdessen m\u00fcsse man einen Stopp einlegen, sich eine Vision \u00fcberlegen, wie das Verkehrssystem in x Jahren aussehen soll und Massnahmen \u00fcberlegen, wie man dahin kommt.<\/p>\n<p><strong>P\u00e4dagogik 2.0<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Kapitel analysiert Burow das Bildungssystem und verortet (wie Michael Giesecke und andere Medientheoretiker auch) unsser Bildungssystem in die Zeit des Industrialismus:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abSo wie die Fabrik aus dem Geist der industriellen Revolution bis etwa 1950, dem H\u00f6hepunkt der Massenproduktion, keine lernende Organisation, sondern eher eine starre Top-down-Organisation war, die auf den Prinzipien von Befehl und Gehorsam sowie auf vorgegebenen Arbeitsabl\u00e4ufen beruhte und durch eine von au\u00dfen oktroyierte Zeitstruktur charakterisiert war, so folgte auch die \u00f6ffentliche Bildung den Prinzipien des Fabriksystems und der Logik der industriellen Massenproduktion. Dies ist keine neue Einsicht: Schon 1874 erkannte ein englischer Beobachter (Robson), dass der moderne Schulraum und die Gestaltung des Schultages den Vorbildern von Fabrik und Milit\u00e4r folgen und entsprechend wirken. Hundert Jahre sp\u00e4ter, n\u00e4mlich 1992, haben Lehner und Widmaier in einer Studie [&#8230;] noch immer verbl\u00fcffende Parallelen zwischen dem Fabriksystem und den Strukturen und Arbeitsabl\u00e4ufen gegenw\u00e4rtiger Schulen aufgezeigt.\u00bb (S. 97)<\/p><\/blockquote>\n<p>Burow erkennt den Wert einer &#8220;verpflichtenden, systematischen, kostenlosen \u00f6ffentlichen Erziehung und Bildung&#8221;. Ansonsten kommentiert er das System kritisch, hier ein Muster:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abAnstatt unsere Kinder vollgestopften Lehrpl\u00e4nen mit unn\u00fctzem Stoff auszusetzen, sollten wir Freir\u00e4ume schaffen, in denen sie Mu\u00dfe zur Perfektionierung derjenigen Gegenst\u00e4nde haben, die ihnen ein inneres, mit Leidenschaft besetztes Anliegen sind.\u00bb (S. 109)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Wesentlichen sieht er acht Kritikpunkte an der P\u00e4dagogik 2.0:<\/p>\n<ol>\n<li>Statt Au\u00dfensteuerung &#8211; mehr Selbstbestimmung<\/li>\n<li>Statt Anpassung an vorgegebene Standards &#8211; Potenzialentwicklung<\/li>\n<li>Statt Abwertung und Selektion &#8211; Aufbau wertsch\u00e4tzender Beziehungen<\/li>\n<li>Statt normierter Zeitvorgaben &#8211; Rhythmisierung<\/li>\n<li>Statt Schule als Belehrungsanstalt &#8211; Schule als kreatives Feld<\/li>\n<li>Statt Jahrgangsklassen &#8211; Altersmischung<\/li>\n<li>Statt Einzelk\u00e4mpfern &#8211; Teamschule<\/li>\n<li>Statt Burnout und \u00dcberlastung &#8211; gesundheitsf\u00f6rderliche Wohlf\u00fchlschulen<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>P\u00e4dagogik 3.0<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach v\u00f6llig zurecht sieht Burow, dass die Probleme des 21. Jahrhunderts mit neuen Bildungskonzepten gel\u00f6st werden m\u00fcssen. In einem n\u00e4chsten Schritt analysiert Burow deshalb die M\u00f6glichkeiten, die ICT f\u00fcr das Lernen bringen kann. Er erw\u00e4hnt den Wert von Tablets im Unterricht, die Khan Academy, MOOCs usw. Trotzdem bleibt dieser Teil des Buches etwas blass und es ist sp\u00fcrbar, dass dies nicht Burows Kernthema ist. Dies ist insofern schade, als dass der Titel des Buches genau auf diesen Aspekt fokussiert. Erw\u00fcnscht h\u00e4tte ich mir eine systematische Analyse, welche Grenzen ICT aufhebt (z.B. \u00f6rtliche Grenzen), welche neue M\u00f6glichkeiten sich bieten (z.B. Automatisierung von Routinet\u00e4tigkeiten) und was diese neuen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Ausbildung bedeuten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Hingegen gehe ich mit Burows Fazit einig, dass die heutigen Probleme vermehrt in Gruppen gel\u00f6st werden m\u00fcssen und wir uns demnach &#8220;vom Bild der isolierten Einzelleistung, Fragmentierung \u00fcberwinden und Sch\u00fcler wie Lehrer aus der Individualisierungsfalle befreien&#8221; m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch was ist denn nun P\u00e4dagogik 3.0? Burows Antwort ist zuerst entt\u00e4uschend:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abEin radikal vereinfachtes Schulsystem, das auf die gemeinsame, inklusive Beschulung bis zur neunten oder zehnten Klasse setzt, die verbunden sein muss mit einem differenzierten F\u00f6rdersystem, das vom Kindergarten an bis zur Oberstufe alle mitnimmt.\u00bb (S. 223)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das klingt f\u00fcr mich erstmal nach einem Beschrieb des finnischen Schulsystems. Begriffe wie &#8220;gemeinsame Beschulung&#8221;, &#8220;Kindergarten&#8221; und &#8220;Oberstufe&#8221; wirken f\u00fcr mich dabei befremdlich, weil sie Konzepte des alten Systemes sind. Allerdings geht Burow auf sp\u00e4teren Seiten weiter in die Tiefe mit 13 zentralen Kernaussagen zur P\u00e4dagogik 3.0 und mit 12 Thesen zur Schule der Zukunft, bei denen wir uns wieder finden (und denen ich bei Gelegenheit gerne separate Blog-Beitr\u00e4ge widmen werde).<\/p>\n<p>Fazit: Alles in allem halte ich Burows Buch f\u00fcr sehr lesenswert und w\u00fcrde ihm eine \u00e4hnlich hohe Leserschaft w\u00fcnschen wie Spitzers &#8220;Digitale Demenz&#8221;. Besonders die Analysen aus p\u00e4dagogischer Sicht und die ganz konkreten Handlungstipps, wie Lehrpersonen und Schulleitende ihre Schule n\u00e4her an P\u00e4dagogik 3.0 heranf\u00fchren k\u00f6nnen, halte ich f\u00fcr sehr wertvoll. Ebenfalls sch\u00e4tze ich den breiten Blick von Burow, der Erkenntnisse und Aspekte verschiedenster Disziplinen einbezogen hat und nicht nur diejenigen seiner eigenen Fachdisziplin. Allerdings w\u00e4re es f\u00f6rderlich gewesen, wenn er zus\u00e4tzliche Expertise zu ICT und Bildung einbezogen h\u00e4tte. Vielleicht auch deshalb lehnt sich Burows Vorstellung von P\u00e4dagogik 3.0 meiner Meinung etwas zu sehr an die Muster des traditionellen Schulsystems an und k\u00f6nnen mir kaum helfen, <a href=\"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/leitmedienwechsel\/bildungsvision\">meine eigene Vision<\/a> weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/HzL5bMR6mvo\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel &#8220;Digitale Dividende&#8221; des neuesten Buchs von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow erinnert an den bekannten Bestseller &#8220;Digitale Demenz&#8221; des Psychiaters Manfred Spitzer. Und das ist durchaus gewollt (hier&nbsp;\u00fcbrigens Burows Rezension von Spitzers Buch auf Amazon). 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