{"id":1102,"date":"2014-02-20T14:44:48","date_gmt":"2014-02-20T13:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/?p=1102"},"modified":"2014-02-20T15:04:58","modified_gmt":"2014-02-20T14:04:58","slug":"alphabet-besuch-der-kino-vorpremiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nandostoecklin.spieldeinleben.ch\/?p=1102","title":{"rendered":"Alphabet &#8211; Besuch der Kino-Vorpremiere"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright  wp-image-1105\" alt=\"alphabet_artwork_kinoplakat\" src=\"http:\/\/www.nandostoecklin.ch\/wp-content\/uploads\/alphabet_artwork_kinoplakat-723x1024.jpg\" width=\"280\" height=\"397\" \/>Gestern nahm ich als einer von rund 330 Kinobesucherinnen und -besucher an der Vorpremiere des Films <a href=\"http:\/\/www.alphabet-derfilm.at\/\">Alphabet <\/a>in Bern teil. Die allermeisten Besucher d\u00fcrften Lehrpersonen gewesen sein, bewarb der Berner Lehrerverband den Anlass doch mit verbilligten Eintritten. Auf die Filmvorf\u00fchrung folgte eine Podiumsdiskussion.<\/p>\n<p>Der Film begann in China und zeigte einen \u00fcberm\u00fcdeten Sch\u00fcler, der von seinem Umfeld getrieben, schulische H\u00f6chstleistungen bringen sollte. Die Mutter zeigte stolz stapelweise Auszeichnungen des Sohnes und dieser musste sich noch eine Medaille um den Hals h\u00e4ngen und zwang sich zu einem abwesenden L\u00e4cheln. Der chinesische Professor f\u00fcr P\u00e4dagogik\u00a0<strong>Yang Dongping<\/strong> kommentierte das chinesische, stark auf Wettbewerb ausgerichtete Bildungssystem ebenso kritisch wie Mr PISA, <strong>Andreas Schleicher<\/strong>. Letzterer hinterliess einen zwiesp\u00e4ltigen Eindruck: Der Film kritisierte die OECD mit ihren PISA-Vergleichen, welche den Bildungs-Wettbewerb unter den L\u00e4ndern anheizt, Schleicher selbst scheinen die Auswirkungen des Wettbewerbs besonders in China &#8211; also dem Land, das bei den Vergleichstest immer ganz vorne dabei ist &#8211; aber nicht zu gefallen.<\/p>\n<p>Weiter kommen in loser Abwechslung Kritiker des Schulsystems zu Wort: Der geadelte Innovationsberater Sir Ken Robinson, der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald H\u00fcther, die Sch\u00fclerin\u00a0Yakamoz Karakurt sowie Thomas Sattelberger, der ehemalige Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Telekom AG. <strong>Ken Robinson<\/strong> beschrieb unter anderem Studien, die bei Kindern s\u00e4mtlicher Altersstufen sowie bei jungen Erwachsenen \u00fcber 25 Jahren durchgef\u00fchrt wurden. Gepr\u00fcft wurde, wie gut die Probanden &#8220;Out of the box&#8221; denken konnten. Bei Kleinkindern waren es noch 98%, die das Attribut &#8220;genial&#8221; erreichten, dann nahm die Zahl kontinuierlich ab und bei den \u00fcber 25-J\u00e4hrigen waren es noch 2%. Dies wertet Robinson als Beleg, dass die Schule die menschlichen Veranlagungen zu Kreativit\u00e4t vernichtet. Daraus leitete der Film seinen Slogan &#8220;98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt.\u00a0 Nach der Schule sind es nur noch 2%&#8221; ab. <strong>Gerald H\u00fcther<\/strong> begleitete die Zuschauer zu einer Kirche, die mal in einem Dorf stand, das aufgrund der Kriege nicht mehr existiert. Er machte mit seinen gewohnt eing\u00e4ngigen Aussagen auf sich aufmerksam, wobei vor allem die Behauptung, das Schulsystem sei von den Preussen so angelegt worden, um willige Soldaten heranzuz\u00fcchten, in der Podiumsdiskussion im Anschluss der Filmvorf\u00fchrung intensiv diskutiert wurde. Ist diese Behauptung historisch haltbar? Ich habe meine Zweifel &#8211; auch wenn etwa Sugata Mitra \u00e4hnliche Aussagen macht \u00fcber das britische Schulsystem im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Viktorianisches_Zeitalter\">viktorianischen Zeitalter<\/a>. Ist es nicht viel eher so, dass es schon immer Kriege gab und es schon immer Soldaten oder Krieger dazu brauchte, nur dass sich mit der Industrialisierung die Kriegsf\u00fchrung \u00e4nderte? <strong>Thomas Sattelberger<\/strong> vertrat die wirtschaftliche Sicht und kritisierte den Wettbewerb stark, der sowohl in Wirtschaft wie auch in der Schule Einzug gehalten habe. Dieser w\u00fcrde zu einigen wenigen Gewinnern und ganz vielen Verlierern f\u00fchren. Weiter kritisierte er die normierenden Auspr\u00e4gungen des Schulsystemes, bei dem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler unterrichtet, also gleichgerichtet w\u00fcrden, wer etwas krumm und eigen sei, m\u00fcsse gerichtet werden, also konform gemacht werden. Zwischendurch las die Sch\u00fclerin <strong>Yakamoz Karakurt<\/strong> ihren\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/34\/P-Schule\">\u00f6ffentlichen Brief<\/a> vor, welchen <em>Die Welt<\/em> im August 2011 publizierte.<\/p>\n<p>Weiter kamen immer wieder andere Protagonisten zu Wort, die weniger &#8211; resp. nur unterschwellig &#8211; das Schulsystem kritisierten, sondern vielmehr alternative Ans\u00e4tze bewarben. <strong>Andr\u00e9 Stern<\/strong> und sein Vater <strong>Arno <\/strong>schilderten ausf\u00fchrlich, wie Andr\u00e9 ganz ohne Schulbesuch alles &#8220;auf nat\u00fcrliche Art&#8221; lernte, was er zum Leben brauchte. Sie zeichneten das Bild einer heilen Welt, ohne dass sich Andr\u00e9 h\u00e4tte durch das System zurechtbiegen m\u00fcssen. F\u00fcr sie ist Lernen Spielen (in Form von Freispiel). Bei Freispielen gibt es kein explizites Ziel, resp. der Weg ist das Ziel. Das kontrastiert mit der Schule, wo das Ziel von aussen vorgegeben wird, normiert f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Kinder lernen also in der Schule &#8211; so meine spontane \u00dcberlegung &#8211; fremde Ziele anzunehmen, Ziele von aussen; sie lernen zu tun, was andere wollen.<\/p>\n<p>Ein sehr belebender Farbtupfer stellte der Spanier<strong> Pablo Pineda Ferrer<\/strong> dar, der als erster Europ\u00e4er mit Down-Syndrom einen Hochschulabschluss erwarb. Ich erwischte mich bei neidischen Gedanken, als er ganz ungezwungen und mit viel Schalk erz\u00e4hlte, dass er als Mensch mit Down-Syndrom machen und sagen k\u00f6nne, was ihm passe, er m\u00fcsse sich nicht nach irgendwelchen Normen richten. Weshalb k\u00f6nnen wir Menschen ohne Down-Syndrom das nicht oder weniger gut? Erfrischend auch, wie er Gewohntes aus seiner ganz eigenen Perspektive analysierte und zu durchaus spannenden Erkenntnissen gelangt.<\/p>\n<p>Der Film hinterliess das Publikum in nachdenklicher Stimmung &#8211; und genau das war das Ziel. Die Stimmung wurde durch die anschliessende ca. halbst\u00fcndige Podiumsdiskussion gebrochen. Regisseur <strong>Erwin Wagenhofer<\/strong> und Protagonist <strong>Andr\u00e9 Stern<\/strong> vertraten die Filmemacher, sie wurden erg\u00e4nzt durch <strong>Franziska Schwab<\/strong>, Leiterin P\u00e4dagogik beim Berner Lehrerinnen- und Lehrer-Verband, sowie durch <strong>Walter Herzog<\/strong>, Professor f\u00fcr Erziehungswissenschaften an der Universit\u00e4t Bern. Herzog erinnerte alleine schon durch sein \u00c4usseres, grau gekleidet und bekrawattet an die herk\u00f6mmliche Geisteshaltung, die der Film in Frage stellte: Normierung, Zurechtgebogen, nicht auffallen wollen in der Masse (was Herzog aber neben den \u00fcbrigen farbig und locker gekleideten Diskutanten und vor allem nach dem Film tat). Er flocht immer wieder Pfeile gegen Gerald H\u00fcther ein, ohne Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Abneigung zu nennen und es fiel auf, dass er als einziger f\u00fcr seine Voten nie Applaus sondern gegen Schluss immer mehr Grummeln erntete vom Publikum. Besonders Wagenhofer und Herzog lieferten sich teilweise fast feindselige Wortgefechte. Herzog vertrat die Meinung, dass die Schule nicht prim\u00e4r den Kindern dienen m\u00fcsse, sondern von der Gesellschaft finanziert werde und somit der Gesellschaft dienen m\u00fcsse. Wagenhofer betonte, dass die Gesellschaft und somit auch die Schule von der Wirtschaft diktiert werde und das Bildungssystem vielmehr das Wohl der Kinder im Auge haben m\u00fcsste. Das scheint mir durchaus eine spannende Frage: Bestimmt die Wirtschaft, welche Gesellschaft wir wollen und nutzt die Schule als Mittel zum Zweck, oder bestimmt die Gesellschaft, wie sie und die Wirtschaft und die Schule sein sollen? Wagenhofer warb f\u00fcr eine Haltungs\u00e4nderung, Menschen nicht in ein Schema pressen und auf Leistung trimmen zu wollen, sondern sie ihren Weg gehen zu lassen. Allerdings konnte er &#8211; wie auch der Film &#8211; keine L\u00f6sungen aufzeigen konnte, wie diese Haltungs\u00e4nderung auf breiter Basis vonstatten gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/x1dHShxJ90U\" height=\"315\" width=\"560\" allowfullscreen=\"\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern nahm ich als einer von rund 330 Kinobesucherinnen und -besucher an der Vorpremiere des Films Alphabet in Bern teil. Die allermeisten Besucher d\u00fcrften Lehrpersonen gewesen sein, bewarb der Berner Lehrerverband den Anlass doch mit verbilligten Eintritten. Auf die Filmvorf\u00fchrung folgte eine Podiumsdiskussion. 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